Oper Köln: Die letzten Tage im Staatenhaus, oder: “Our Imperium We’ll Find”
Köln (kle) Ein Song kommt, wann er es will. Der jetzt gerade dröhnt bestimmend aus den Boxen der Reitlehenalm: „Our Imperium“ von Las Robertas. Das Quartett aus Costa Rica, das schon oft mit Bands wie The Velvet Underground oder The Vaselines verglichen wurde, lässt die Spitzen der Tannen rings um die Alm irgendwie psychedelisch hin- und herwehen. „We’ll find / The promised and / The promised land“.
So richtig beginnt diese Geschichte am 22.10.2025 in Prag. Helena Bartlová, Pressereferentin des tschechischen Nationalballetts, lädt mich zur Premiere von John Neumeiers „Liliom“ in die Prager Staatsoper ein. Eine geniale Vorstellung, ein prächtiges Haus. Und Kölns Opernhaus? Wie steht es eigentlich darum? Mit dieser Frage war sie geöffnet, die Büchse unserer Kölner Operngeschichte. Und so ging es, ein paar Tage später nach Liliom und Prag, geradewegs ins Staatenhaus am Rheinpark. Denn das nutzt die Oper Köln seit beinahe zehn Jahren als Interimsspielstätte, bis die Sanierung des Riphahn-Baus am Offenbachplatz abgeschlossen sein wird. Schon in diesem Spätsommer (Eröffnung im September!) solle es endlich soweit sein, dass das gesamte Opernteam wieder vereint in ein und demselben Gebäude untergebracht wird sein können, erzählt uns Marietheres Eicker, Referentin für Presse und Öffentlichkeitsarbeit der Oper. Dabei schluchzt sie nicht, das wäre zu theatralisch – höchstwahrscheinlich -, aber gepasst hätte es allemal in diesem Moment. Was den großen Umzug des Opernhauses allerdings mehr als verkompliziert, sind die Tatsachen, dass a) nicht alle Abteilungen - so ein Opernhaus wird zusammengehalten durch verschiedenste berufliche Sparten, wie zum Beispiel durch die Requisite, das künstlerische Betriebsbüro, die Statisterie, die Inspizient:innen, die Ankleider:innen, die Maskenbildner:innen, das Ensemble, die Musiker:innen, die Solist:innen und viele viele mehr – gleichzeitig in den kernsanierten Riphahn-Bau werden einziehen können, und b) in exakt diesen Minuten, wenn Sie diesen Text hier lesen, der komplette Ostflügel des Staatenhauses – im Prinzip ist das der gesamte Backstagebereich der Oper – dem Erdboden gleich gemacht wird. Ganze Teams - beispielsweise die Requisite - und deren Materialbestände müssen sich demnach für die kommenden Monate ein Interim nach dem Interim suchen, müssen irgendwo ein Eckchen im noch nicht abgerissenen Staatenhaus finden. Aber das, so Eicker, sei noch nicht einmal das größte Problem, sondern das sei der Abriss-Staub. Der nämlich werde sich in allen Ritzen festsetzen. Ein Graus für alle Musiker:innen, die ihre Instrumente schon im Normalbetrieb so vor Schmutz beschützen, als wären es deren leibliche Babys. Mal abgesehen von den Stimmbändern der Sänger:innen, die ab nun vielmehr einem Rußfilter als einer frischen Blumen-Wiese ähneln werden. Alles in allem: Das wird hart für alle Beteiligten in den nächsten Monaten, ans Licht am Ende des Kölner Opern-Tunnels zu gelangen. Selbstverständlich auch für das Publikum. Soweit die grobe Lage. Und nun hinein ins Gewimmel hinter der Bühne. Ja, Gewimmel, weil die Betriebsamkeit in den fensterlosen, dafür mit jeder Menge Neonlicht ausgeleuchteten Hallen etwa eine Stunde vor jeder Vorführung und während ihr der einer Bahnhofshalle gleichen. „20 Minuten bis zur Vorstellung!“, schallt eine liebliche, fast lasziv klingende Stimme aus irgendwelchen Lautsprechern durch die Gänge. Ein Wunder, dass es niemand singt, mag man meinen. Menschen rennen mal mit, mal ohne Kostüm von rechts nach links, dem einen fehlt noch die Perücke, der anderen das passende Überkleid. Mittendrin im strukturierten Gewusel: Heike Fritz. Ankleiderin. Die zierliche Frau in Sportschuhen, die sich selbst als moderne Kammerzofe bezeichnet, wirkt zwischen den auf- und zufliegenden Türen in ihrem Element. Wie ein Fisch im Wasser. Allerdings wie einer, der sprechen kann.
Just in diesem Moment ist sie dabei, in einem kleinen Hinterraum der irischen Gast-Solistin Sarah Brady („Saul“) das Korsett ihres Kleides zu schnüren. Brady, die zum ersten Mal in Köln ist, lässt diese Prozedur tapfer über sich ergehen. Manchmal, wenn Fritz etwas fester zieht und dabei ihr gesamtes Gewicht in die Hüfte drückt, kneift Brady leicht ihre Augen zu. Leicht. Denn eigentlich lacht sie mehr, als dass sie kneift. Währenddessen erzählt Fritz:
Ich will in mein Haus. Wieder zurück in unser richtiges Opernhaus. Als ich erfuhr, dass das bald geschehen wird, habe ich geweint. Natürlich haben wir es alle zusammen geschafft, uns hier im Staatenhaus einzufinden und einzuleben. Das hatte – rückblickend – bei allen Problemen auch etwas Tolles, das ist gar keine Frage.
Plaudere mal ein bisschen aus deinem Ankleiderin-Nähkästchen, bitte.
Du musst Solisten immer auf Augenhöhe begegnen. Das war mir auch bei Catherine Foster wichtig. Einmal sang sie die Prinzessin Turandot in der gleichnamigen Oper. Nach ihrer Arie im ersten Akt („In questa reggia“) erhielt sie keinen ausufernden Applaus, weil direkt im Anschluss die Pause folgte. Daraufhin war sie ein wenig angefressen und behauptete wenige Minuten später im Ankleideraum, dass ihr die junge Aushilfe Lia beim Umziehen einen Rückenwirbel ausgerenkt habe.
Und dann?
Ich wollte natürlich den Theater-Arzt hinzuziehen. Foster schlug das aus, weil der ja kein richtiger Orthopäde sei. Und ob sie am kommenden Tag in der Lage sein würde zu singen, wusste sie nicht. Nach ein paar Absprachen untereinander bestellten wir schließlich nach der Vorstellung einen Rettungswagen, der Frau Foster samt Dolmetscherin ins Eduardus-Krankenhaus brachte. Am Ende verbrachte sie nicht länger als zwei Minuten im Hospital. Selbstverständlich war uns klar, dass sie darauf keine Lust hatte. Daher: Arbeiten auf Augenhöhe ist angebracht. Und nebenbei erwähnt: Mein Spezialgebiet sind italienische Dirigenten. Aber das ist eine andere Geschichte. *Alle Anwesenden lachen herzlich*
Plötzlich Hektik. Aber eine positive irgendwie. Fritz läuft durch einen Hinterausgang, vorbei am Sicherheitspersonal, schnurstracks an den Backstage-Rand der „Saul“-Bühne. Thomas und ich hinterher. Christopher Purves – britischer Gast-Solist in „Saul“ – und Brady stehen schon aufgeregt zusammen mit Dirigent Rubén Dubrovsky in den Startlöchern. Von außen betrachtet erscheinen die drei in diesem Moment wie nicht von dieser Welt. So weit weg, so nah bei und in sich. Das Publikum bekommt davon nicht das Geringste mit. Und dann, ja dann zeigt Fritz mit ihren Händen lebhaft-wedelnd auf die gegenüberliegende Seite. Wieder ein Sprint. Wieder hinterher. Die 40 verkleideten Sänger:innen des Opernchors schleichen an den Stützstangen der Zuschauerränge vorbei. Direkt hinter die Bühne. Uhh, da ist sie, die berühmt-berüchtigte Gänsehaut. Die einleitende Sinfonia führt instrumental in die dramatische Welt des Oratoriums von Georg Friedrich Händel ein. Die noch nicht (!) mit Baustellen-Schmutz verstopften Oboen und Flöten geben alles, Dubrovsky auch. Fritz flüstert mir ins Ohr: „Jetzt gleich öffnet sich der Vorhang. Das wird dir gefallen!“ Das ist leicht untertrieben, finde ich, als sich ein paar Sekunden später der Vorhang hebt. Kollegin Simone Hamm vom Feuilleton Frankfurt beschreibt das so: „Auf der langen Tafel sind riesige Blumenbuketts aufgetürmt. Ein Hirsch liegt da und ein Wildschwein, eine riesige Auster, ein Schwan und ein Pfau. Alles ist knallbunt. Reglos stehen die Sängerinnen des Opernchors in bonbonfarbenen Reifröcken auf und vor dem Tisch. Wie die danebenstehenden Männer tragen sie Rokkokoperücken.“ Ich muss erinnert werden zu atmen. Von Fritz.
Auf dem Weg zurück in die Vorbereitungsräumlichkeiten laufen wir noch dem australischen Tenor John Heuzenroeder über den Weg. Auf dem kleinen Tisch seines Ankleideraums liegen „falsche Brüste“, die extra für Bühnenaufführungen hergestellt werden. Er singt in Saul die Hexe von Endor, muss man wissen. Weil sein Gesangspart erst zu Beginn des dritten Aktes angesetzt ist, hat er noch ein bisschen Zeit für ein kurzes Gespräch:
Du bist seit der ersten Spielzeit 2015/16 im Staatenhaus mit dabei. Wie war das für dich anfangs?
Das Erste, was ich dachte, war: „Mensch, haben wir hier viel Platz!“ Weil ich damals in einer ziemlich kleinen Wohnung lebte, verbrachte ich gerne ein paar Stunden länger hier.
Kannst du dich noch an deine erste Aufführung im Staatenhaus erinnern?
Das war Benvenuto Cellini von Hector Berlioz. Da fällt mir gerade ein: Ich war derjenige, der die ersten Töne hier im Staatenhaus vor Publikum gesungen hat.
Möchtest du auch die letzten Töne hier singen?
*Lacht herzlich* Stimmt, wenn im Staatenhaus die Vorhänge im Sommer endgültig für uns fallen, muss ich etwas singen. Dennoch: Es war und ist nicht alles schlecht hier. Die Lage beispielsweise sollte ein Traum sein. War sie aber für viele leider nicht. Gleichzeitig habe ich mich auch immer wieder gefreut, wenn ich an einem anderen Opernhaus gastieren durfte.
Warum?
Weil ich den Dirigenten sehen konnte. Und er mich.
Was erwartest du für die nächsten Monate, wenn aus dem Staatenhaus eine Großbaustelle werden wird?
Augen zu und durch.
Dann verlässt John schnellen Schrittes den Raum. Er muss zur Maske. Schließlich singt er heute noch die Hexe von Endor. Ein Song kommt, wann er es will. „Our Imperium“ von Las Robertas. „We’ll find / The promised and / The promised land“. Oper Köln. Staatenhaus.
Wir bedanken uns an dieser Stelle ausdrücklich bei Marietheres Eicker, Referentin für Presse und Öffentlichkeitsarbeit der Oper Köln. Sie hat uns diese Reise durch die Kölner Oper erst ermöglicht.
Darüber hinaus bedanken wir uns herzlich bei Bernd Bitter (Leiter Requisite), Nora Weyer (Leiterin des künstlerischen Betriebsbüros), Tanja Baumgart (Leiterin Statisterie), Emily Hindrichs (Solistin aus dem Ensemble), Kathrin Vinciguerra (Chefinspizientin), Heike Fritz (Ankleiderin), Sarah Brady (Gast-Solistin), John Heuzenroeder (Solist aus dem Ensemble), Michaela Nett (Maskenbildnerin), Christopher Purves (Gast-Solist). Sie alle haben uns einen kleinen Einblick in ihren beruflichen Alltag gewähren lassen.
Erschienen in der Stadtrevue