open excess: Freier Zugang — Exzess für alle!

LK: Luca Keller

TS: Torben Schug

TM: Till Menzer

NR: Nils Rottgardt

Köln (kle)Ein Song kommt, wann er es will. Der jetzt gerade heißt „New Noise“ von der ehemaligen schwedischen Hardcore-Band Refused. Eigentlich ist die Nummer eine politisch-revolutionäre Hardcore-Punk-Hymne, die sich gegen musikalische Konventionen, Kommerzialisierung und Passivität richtet. Sie fordert eine neue, radikale Stimme in der Musik und Gesellschaft, da die Band der Meinung ist, dass alte Methoden keine Zuhörer mehr finden und wahre Kunst nicht käuflich ist. „How can we expect anyone to listen if we are using the same old voice / We need new noise“. 

Heute spreche ich in den Räumlichkeiten des Un-Labels, das sich Inklusion und Barrierefreiheit im Kulturbetrieb auf die Fahnen geschrieben hat, mit dem Kölner Jazz Ensemble open excess. Das Trio – Pianist und Komponist Lucca Keller, Bassist Torben Schug und Schlagzeuger Till Menzer - gehört mittlerweile zu einem der gefragtesten Jazz-Acts in NRW. Es spielt hauptsächlich Eigenkompositionen und lädt regelmäßig Gastmusiker:innen mit und ohne körperliche Behinderungen ein. Das King Georg ist ein fester Spielort für das Ensemble. Da Lucca Keller selber von einer körperlichen Behinderung betroffen ist, ist ihm diese Öffnung von Bühnen in der professionellen Musikwelt ein besonderes Anliegen. Für die drei ist Offenheit im Jazz kein Schlagwort, sondern eine Haltung. Auch mit am Tisch: Nils Rottgardt. Leiter für den Bereich Kunst & Kultur beim Un-Label.  

Ein Gespräch

Wer ist von euch Dreien der Stärkste?

TM: Der Stärkste in unserer Reihe ist Lucca, weil er viele Jahre vor Augen hatte, Musik zu studieren, und er an seinem Plan drangeblieben ist. Mittlerweile studiert er Jazzpiano an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Und wenn das nicht stark ist, dann hat er zumindest einen dicken Schädel.

TS: Das stimmt. Lucca ist wirklich sehr zielstrebig. Manchmal allerdings auch zu sehr. Dann wird er meistens von Till zurückgezogen. Er rät Lucca dann, einen Gang langsamer zu fahren.

Du wolltest schon immer Musik studieren, Lucca?

LK: Ja, genau. Der Wunsch geisterte schon seit Längerem in meinem Kopf herum. Aber ich habe ihn immer wieder auf Seite geschoben, während ich beim WDR als Tontechniker arbeitete. Vor kurzem habe ich die Aufnahmeprüfung für die Folkwang bestanden. Jetzt bin ich drin.

TM: Luccas Haltung ist spannend. Ich kenne eigentlich nur Menschen, die das andersherum gemacht haben. Menschen aus gutem Hause, die in ihrer Jugend unbeschwert durchs Leben gegangen sind, sich ein Musikinstrument und Unterricht leisten konnten und sich dann in ein Musikstudium hineingestürzt haben. Gepamperte Blagen also, die an der Musikhochschule landen, um kurz danach festzustellen, dass das Künstlerdasein gar keinen beständigen Lebensentwurf bietet. Lucca ist die ganze Zeit mit einem Realismus an die Studium-Sache herangegangen: Erst hat er eine Ausbildung abgeschlossen, konnte dann stabil im Leben stehen, um danach sagen zu können: Jetzt studiere ich noch Musik.

LK: Obwohl die Idee, Musik zu studieren, für mich zunächst einmal weit weg war. „Keine Chance“, dachte ich oft, auch weil ich annahm, gar nicht gut genug zu sein. Als ich beim WDR arbeitete, war die Sache für mich eigentlich schon abgehakt. Viele Leute um mich herum erzählten von den harten Bedingungen, überhaupt für die Aufnahmeprüfungen zugelassen zu werden. Und die Wahrscheinlichkeit, an der Kölner Musikhochschule - einer der Top Hochschulen Europas - aufgenommen zu werden, tendierte nahezu gegen Null, dachte ich.

Ist Inklusion im Musikstudium denn ein Thema?

TS: Ich hatte als Person aus gutem Hause (!) während meines Studiums an drei Hochschulen nichts mit Inklusion zu tun. Es gab mal einen Trompeter, der nicht gut laufen konnte. Aber das hat ja nichts mit Inklusion zu tun. Menschen mit Behinderungen, die für ein Musikstudium spezielle Rahmenbedingungen und Strukturen benötigt hätten, bin ich damals nicht begegnet.

LK: Das gesamte Musikstudium, das Musik- und Hochschulsystem an sich, ist sehr veraltet und eindimensional. Es ist stets danach ausgerichtet, immer nur „die Besten auszulesen“, diejenigen zu fördern, die beispielsweise bei „Jugend musiziert“ die Preise abräumen. Wie „gut“ ist die Klientel? Das ist die Kernfrage für die Musikhochschule. Darüber definiert siesich schlussendlich. Eigentlich müsste sich die gesamte Musik(hoch)schullandschaft viel stärker an der breiten Vielfalt aller Musiker:innen orientieren. Beide, sowohl Musikschulen als auch Hochschulen, müssten erkennen, welche Gruppen bei ihnen unterrepräsentiert sind. Vor allem an den Hochschulen werden nur die Besten der Besten aufgenommen.

Was würdest du konkret verändern, hättest du die Möglichkeiten dazu?

LK: An jeder Musikschule müsste es eine Lehrkraft geben, die sich explizit darum kümmert, dass Menschen mit Behinderung unterrichtet werden können. An den Hochschulen müsste es auch so sein, allerdings mit dem Unterschied, dass deren Bewertungsmaßstäbe im Sinne der Inklusions-Musiker:innen angepasst werden würden. Du kannst beispielsweise von einem Musiker mit Spastik nicht erwarten, dass er irgendein komplexes Mozartstück vom Blatt spielt. Es geht daher in diesem Kontext nicht so sehr um die technische Komponente, sondern vielmehr um die künstlerische Begabung des Musikers.

NR: Da passt es wie die Faust aufs Auge, dass heute Nnena Kalu, die britisch-nigerianische Künstlerin, mit dem Turner-Preis ausgezeichnet wurde. Sie ist Autistin und die erste Gewinnerin des Turner-Preises mit einer Lernbehinderung. Und sie ist natürlich nicht den Weg über eine Kunsthochschule gegangen. Dass Lucca nun an der Folkwang Universität studieren kann, ist zurzeit immer noch die Ausnahme und keinesfalls die Regel. Auch wenn mittlerweile auf dem Feld der Inklusion Veränderungen wahrnehmbar sind. Und im Kern sind Luccas Forderungen ja keine „Nice to haves“, sondern gesetzlich festgelegte Ansprüche durch die UN- Behindertenrechtskonvention (UN-BRK 2006/2009), die die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in allen Lebensbereichen garantieren soll.

LK: Das stimmt. Aber in der Praxis braucht es Menschen vor Ort (auch in den Hochschulen!), die eben diesen Konventionsanspruch umsetzen und die Künstler:innen mit Behinderung explizit einladen, zu ihnen zu kommen. Vorher wird sich in den Musik- und Hochschulen wenig ändern.

Gibt es in den Musik- und Hochschulen eine klar strukturierte und organisierte Umsetzung des Artikels 24 der UN-Behindertenrechtskonvention?

LK: Es gibt Menschen an den Schulen, die sich sehr stark für diesen Artikel einsetzen und vor Ort Veränderungen versuchen umzusetzen. Aber es gibt andererseits auch genügend Mitarbeiter:innen, die versuchen, genau das zu verhindern. Vielleicht aus Gewohnheit? Aus Angst vor etwas Neuem? Ich weiß es nicht. Klar ist aber: Es fehlen auch Lehrkräfte, die Erfahrung im Umgang mit Menschen mit Behinderung haben. Und stellen die Musik- und Hochschulen niemanden mit derlei Erfahrungen ein, erhalten sie natürlich auch keine Erfahrungswerte in diesem Bereich. Die Musiker:innen mit Behinderung wiederum bewerben sich daher gar nicht erst um einen Aufnahmeplatz, weil sie denken, dass sie ohnehin keine Chance haben. Teufelskreislauf.

TS: Deshalb ist es gut, dass Lucca jetzt in Essen studiert und eine Vorreiterrolle einnimmt. Schon beim letzten Konzert im King Georg ist mir aufgefallen, wie viel besser er geworden ist. Das hat mich wirklich beeindruckt. Luccas Klavierspiel ist richtig gewachsen. Aber hey, jetzt kann und darf er ja auch jeden Tag professionell üben.

NR: Genau. Lucca erarbeitet sich durch das Studium seinen eigenen Stil, seine eigene spielerisch-musikalische Handschrift. Sein Spiel wird von Tag zu Tag präziser. Das ist gut. Das ist stark.

„How can we expect anyone to listen if we are using the same old voice / We need new noise“. Open excess.       

Erschienen in der Stadtrevue

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