Jonas Burgwinkel: Die Tiefe im Prozess

Köln (kle) Ein Song kommt, wann er es will. Der jetzt gerade heißt „8 Uhr“ von Volkan Yaman alias Apache 207. Sein neuestes Werk trägt den Titel „21 Gramm“. Der amerikanische Arzt Duncan MacDougall wollte 1907 herausfinden, ob die menschliche Seele ein messbares Gewicht besitzt. Sein Ergebnis: Unmittelbar nach dem Tod verloren die Körper im Durchschnitt rund 21 Gramm. Ein Gewichtsverlust, den er auf das Entweichen der Seele zurückführte. Wissenschaftlich ist dieses Experiment längst widerlegt, doch der Mythos von den „21 Gramm“ lebt bis heute weiter und fasziniert Kunst, Film und Musik gleichermaßen. „Trotz der Awards und tausender Liebesbriefe / könn‘ wir nicht glauben, dass man uns jemals liebt“, rappt Yaman.

Als ich Jonas zum ersten unterrichtete, wusste ich sofort: Dieser Junge ist verdammt talentiert, er lernt sehr schnell, und: Er hat seinen eigenen Kopf“. (Arnoud Gerritse / Unterrichtete Jonas am Konservatorium Maastricht)

Heute spreche ich via Zoom mit Jonas Burgwinkel. Gerade gastiert er zusammen mit der NDR-Bigband beim Jazz Open Hamburg. Der gebürtige Aachener gilt als einer der eigenwilligsten Schlagzeuger des deutschen Jazz. Kompromisslos, energiegeladen und mit einem klaren Sinn für Haltung ist er längst eine feste Größe auf internationalen Bühnen, in preisgekrönten Projekten und seit 2011 auch als Professor an der Kölner Musikhochschule. Wer ihm zuhört, merkt schnell: Hier sitzt keiner hinten im Takt, nein, hier wird das Schlagzeug zur treibenden Kraft.

 

Ein Gespräch

Hey. Ich komme gerade von der Probe mit der NDR-Bigband. Wir haben die letzten drei Tage geprobt. *Jonas lacht*

Zuviel Probe für dich?

Wenn man aus der Freelance-Welt kommt, ist das natürlich verhältnismäßig viel Zeit zum Proben. Das Cologne Contemporary Jazz Orchestra zum Beispiel probt am gleichen Tag, und abends ist Konzert. Natürlich ist das eher stressig und führt nicht immer zu den besten Ergebnissen: Dafür sitzen alle arg an der Stuhlkante.

Was ist denn für dich das bestmögliche Ergebnis?

Das bestmögliche Ergebnis ist, dass sich beim Konzert alle wohlfühlen. Wobei Bigband ein ganz eigenes Wesen ist. Da herrschen noch einmal ganz andere Gesetzmäßigkeiten als bei einem Trio. In einer Bigband gibt es so viele Zähne, die ineinandergreifen müssen, so viel Detailarbeit, bei der man das Optimum herausholen kann. Am Montag zum Beispiel spiele ich mit dem Hayden Chisholm Quartett, und da geht es um komplett andere Sachen. Gegenteiliger geht es eigentlich nicht mehr. Hayden trägt das Spiel mit seinem Vibe und seiner Aura, das Material ist immer frisch und man muss es in dem Moment einfach passieren lassen, offen sein und zuhören. Und dann können wunderbare Sachen geschehen.

Mit Hayden sind Proben also eher nichts Regelmäßiges?

Ich habe mit ihm für den Deutschlandfunk mal zwei Platten eingespielt. Vorab gab es keinerlei Informationen zu den Stücken. Ich fuhr also ins Studio, es gab noch einen Bassisten vor Ort, dann spielten wir zusammen die komplett neuen Arrangements, die niemand von uns beiden kannte. Das wurde direkt First Take aufgenommen. Für dieses Momentum des Ersten Mals und des Neu-Entdeckens ist Hayden Experte. So kann es auch laufen.

Ist das auch so ähnlich, wenn du mit Pablo (Held) spielst?

Bei einer Band wie dem Pablo Held Trio geht es immer um Weiterentwicklung und Tiefe. Und schon lange auch darum, unnötige Dinge wegzulassen. Auch wenn das für Zuhörer nicht immer nachvollziehbar ist, aber wir arbeiten die ganze Zeit an unserer Musik. Vor allem aber daran, Sachen einfacher zu machen. Zu Beginn des Studiums will man stets mehr reinpacken in sein Spiel, dieses Vorhaben stößt jedoch irgendwann an seine Grenzen. Später dann merkst du: Es geht nicht mehr so sehr um deine Spiel-Skills, das Spiel entwickelt sich viel mehr zu einer Kopfsache, zu einem Zuhören-Können, zu einer Reaktion auf den anderen. Das ist ein Feld unzähliger Variablen. Ich denke, das klappt aber nur, wenn man sich schon lange kennt und sich gemeinsam als Band weiterentwickelt.

Und die gesamte Jazz-Welt spricht über euch drei seit Jahren. Seid ihr die Kölner Popstars des Jazz?

*Jonas lacht* Nein. Wir sind immer noch Nische. Auch innerhalb der Jazzszene sind wir nicht in der populären Ecke unterwegs wie manch andere Bands, die auf Jazz-Festivals spielen, und die auf ein ganz anderes Publikum abzielen und mit vielen Pop-Anleihen einen „Wow-Effekt“ erzeugen. So ein großes Feuerwerk ist nicht unser Ziel. Uns hat aber immer schon das Prozesshafte ausgemacht, und als Freunde sind wir ständig in Kontakt. Auch, wenn wir nicht spielen. Wir erzählen uns gegenseitig, was so los ist bei dem anderen. So ein bisschen ist das wie gemeinsam alt werden. Immerhin spielen wir seit 20 Jahren miteinander. Da hat man Einiges zusammen erlebt.

Zum Beispiel auch die Übernahme deiner Professur für Jazz-Schlagzeug an der Kölner Musikhochschule. Bist du ein Genie?

Danke für die Frage. Die schmeichelt mir selbstverständlich. Aber die Antwort darauf ist: nein, auf gar keinen Fall. Es wäre doch völlig absurd, auf diese Frage mit „Ja“ zu antworten. Im Gegenteil: Ich bin leider häufig eher kein großer Fan von mir.

Kannst du das näher erläutern?

*Jonas hadert sichtlich mit sich* Das ist natürlich sehr persönlich. *Wir schweigen. Lange* Beim Spielen muss man sich auf seine Intuition verlassen können. Das konnte ich schon immer gut. Egal, was rundherum so passiert, beim Spielen war ich einfach da. Ich konnte der Musik vertrauen. Aber bei all dem fällt es mir sehr schwer, mich selber spielen zu hören, weil ich vor allem bei Aufnahmen die Tendenz habe, mich auf die negativen Aspekte zu fokussieren. Sehr häufig jedenfalls. Grundsätzlich bin ich sehr selbstkritisch, sogar so extrem, dass es mir manchmal im Weg steht. Auf verschiedensten Ebenen.

Wie nimmt dich deine Außenwelt in solchen Momenten wahr?

Meistens sind das innere Prozesse, die von außen schwer wahrnehmbar sind.  Ich versuche mir in solchen Momenten zu sagen „Es geht hier gerade gar nicht um dich und darum, wie du dich fühlst, es geht um die Musik. Get over it!“ Manchmal gelingt das besser, manchmal schlechter. Und man selbst kennt seine eigenen Schwächen nur allzu gut, weil man sich täglich mit seinen Beschränkungen auseinandersetzt und deshalb dazu tendiert, immer nur diese Begrenzungen zu sehen, und nicht die weite Strecke, die man sie schon erweitert und verschoben hat. Grundsätzlich ist es schwierig darüber zu reden, weil es so viele Facetten hat.

Danke für deine ehrlichen Worte. Ein Schüler von dir – Leif Berger – thematisierte dieses Thema „Selbstzweifel“ vor einigen Monaten ähnlich.

Ich glaube, ziemlich vielen Leuten aus dem Kunstbereich geht es so oder so ähnlich. Alles, was man mit Leidenschaft betreibt und in das man sein Herzblut, ein Stück seiner Persönlichkeit hineinlegt, geht natürlich mit einer immensen Verletzbarkeit einher. Aber im Laufe seiner Karriere setzt man sich so intensiv mit der Musik, mit seinem Instrument und mit sich selbst auseinander: Mitunter bleiben da schmerzhafte Wachstumsprozesse nicht aus. Und wachsende Erfahrung hilft zwar oft, ist aber auch kein Allheilmittel.

Heute Abend stehst du als Musiker auf der Bühne, wirst umjubelt, ein paar Tage später sitzt du mit Studierenden an der Kölner Hochschule. Tun dir diese zwei unterschiedlichen Erlebniswelten gut?

Auf jeden Fall. Aber sich mit den Studierenden auseinanderzusetzen macht am meisten Spaß, wenn ich es schaffe, eine gute Balance zwischen Konzerten und Hochschultätigkeit herzustellen. Und: Ich möchte meine Student:innen ja auch inspirieren. Auf gewisse Weise bin ich ein Role-Model für sie, ob ich nun will oder nicht. Was gibt es also Besseres für meine Student:innen, als das vorzuleben, was die Mehrheit von ihnen machen möchte? Natürlich holen mich meine Schüler:innen auch runter, aber am besten gelingt das meinen eigenen Kindern. *Jonas lacht*

„Ich glaube, ich bin als Lehrer ganz anders als Jonas, also nicht ganz so stringent und nicht ganz so klar wie er.“ (Leif Berger)

Man entwickelt sich als Lehrer ja auch weiter, verändert Unterrichts-Stile, lässt viel mehr Dinge zu, wird sensibler für das, was jeder Einzelne an Input und Rahmen benötigt. In der Zeit von Leif war ich noch etwas strenger, als ich es heute bin, das stimmt. Mittlerweile unterrichte ja schon seit 15 Jahren. Daher kann ich mit der Hochschulsituation ein Stück weit freier umgehen, als das für mich Anfang dreißig noch der Fall gewesen ist. Das bedeutet u.a., sich bei bestimmten Schüler:innen weiter vom Lehrplan entfernen und sie stärker loslassen zu können. Früher hätte ich mich das noch nicht so sehr getraut. Und: Dadurch erlebe ich automatisch auch noch einmal wesentlich mehr Erfolgswege, die meine Schüler:innen in der Lage sind einzuschlagen.

Du selbst warst ja Jungstudent am Konservatorium Maastricht. Wie war das für dich?

Das war natürlich super. Schule hat mir wenig Spaß gemacht. Ich wusste schon recht früh – so etwa mit 14 -, dass ich Musiker werden wollte. Obwohl ich nicht aus einer Musikerfamilie komme. Ein damals prägendes Ereignis für mich – als ich in die 7. oder 8. Klasse ging - war mit Sicherheit ein Jazzkonzert während meiner Schulzeit zusammen mit meinem damaligen Musiklehrer im Aachener Jakobshof. Etwas später bot mir das Konservatorium die Möglichkeit, immer wieder vom Schulunterricht freigestellt zu werden. In Maastricht traf ich schließlich auf den jungen Pianisten Mike Roelofs, der in einer ähnlichen Situation wie ich steckte. Wir gründeten ein Trio und wurden so recht schnell zu einer vielbeschäftigten Formation und zu einer Art Aushängeschild des Konservatoriums. Von dort ging es schließlich über Boston nach Köln. „Trotz der Awards und tausender Liebesbriefe / könn‘ wir nicht glauben, dass man uns jemals liebt“. Jonas Burgwinkel.

Erschienen in der Stadtrevue

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