Feuerschwanz: „Das Konzept ,Provozieren‘ hat ganz gut funktioniert“
Düsseldorf (kle)
Interview mit Hauptmann (Peter Henrici) der Mittelalter-Rockband Feuerschwanz am 26.09.25
Feuerschwanz wurden 2004 in Erlangen gegründet und haben sich vom augenzwinkernden „Mittelalter-Folk-Comedy“-Projekt zum ernstzunehmenden Headliner der deutschen Rock- und Metalszene entwickelt. Was als Parodie auf die Mittelalterszene begann, wuchs über Alben wie „Prima Nocte“ oder „Met & Miezen“ schnell hinaus. Spätestens mit „Das elfte Gebot“ (2020) öffnete sich die Band stärker dem Metal und eroberte mit „Memento Mori“ (2021) und „Fegefeuer“ (2023) sogar Platz 1 der Charts. Satire, Gesellschaftskritik und feierwütige Hymnen gehen bei Feuerschwanz Hand in Hand. 2024 folgte mit „Warriors“ das erste englischsprachige Album, 2025 wagten sie den Schritt zum ESC-Vorentscheid.
Lieber Hauptmann, welchen Ohrwurm tragen Sie seit heute Morgen mit sich herum?
Heute Morgen bin ich ohne Musik in den Tag gestartet. Eigentlich wache ich morgens nur mit einem Ohrwurm auf, wenn ich mich vorher intensiv mit vor allem meinen eigenen Songs auseinandergesetzt habe. In meinem Alltag höre ich ganz unkreativ den Spotify-Mix der Woche. In dem ist auch ganz viel ruhigere und klassische Musik enthalten, um von der schnelllebigen Welt etwas abschalten zu können.
Der junge Hauptmann am Lagerfeuer: Welches Musikalbum hatten Sie immer in Ihrem Knapsack mit dabei?
Das waren schon eher rockigere Alben. Und als damals, zu Beginn der 1990er-Jahre, die deutsche Mittelalter-Rockszene so richtig ins Rollen kam, fand ich natürlich Bands wie In Extremo oder Subway to Sally ganz gut. Das war eine junge und höchst interessante Musikszene für mich. Vieles aus dem englischsprachigen Raum fand ich zu dieser Zeit weniger spannend, weil es für mich beinahe zu gewöhnlich war und ich als Deutscher bei dieser Musik nicht das Gefühl hatte, am Puls der Zeit zu sein. Daher kam für mich – zumindest früher – nicht in Frage, englische Texte zu schreiben. Heute sehe ich das etwas anders: Durch die englische Sprache erreichst du eben noch viel mehr Menschen und kannst etwas stärker über den Tellerrand hinausschauen.
Wie wird man denn in jungen Jahren Teil der Mittelalterszene?
Indem man, wie ich, irgendwann als junger Mann in eine Mittelalter-Band einsteigt. Und in Erlangen hatten wir zu dieser Zeit vor allem die bekannte Folk-Rock-Band Fiddler’s Green, die ich auch schon immer toll fand. So ist man nach und nach in diese keltisch-folkige Szene hineingerutscht.
Die Idee zu Feuerschwanz: Kam die Ihnen klassisch bei Met und Grutbier in der Taverne zusammen mit Freunden, oder wie kann man sich die Geburtsstunde der Band vorstellen?
Damals war es so, dass sich jede Band, der ich beigetreten bin, mal früher, mal später aufgelöst hat. Im Verlauf der Jahre musste ich mir also Gedanken darüber machen, wie ich weiterhin in dieser Szene bleiben und in ihr eine Rolle spielen kann. Daher gründete ich irgendwann einfach meine eigene Band. Die schwarze Szene allein fand ich jedoch eher langweilig, oder anders gesagt: Sie hatte hohes Potenzial aufgefrischt zu werden. Also stand ‚Provozieren‘ bei mir hoch im Kurs: Pimmelwitze gepaart mit Rollenspielen. „Mal sehen, was jetzt passiert“, dachte ich mir ab diesem Zeitpunkt.
Sie haben inzwischen einen deutlichen Schritt in Richtung Metal gemacht. Warum das?
Bis 2018 waren wir tatsächlich eher folkrockig unterwegs, aber wir merkten zu diesem Zeitpunkt, dass wir in dieser Szene unser Potenzial weitestgehend ausgeschöpft hatten. Schließlich haben wir dann einfach einen Schnitt gemacht und von da an Folk-Metal gespielt. Davon haben wir uns versprochen, in der Metal-Szene eine größere Rolle spielen zu können. Das Ganze fiel uns natürlich musikalisch nicht allzu schwer, weil wir alle schon immer Metalfans gewesen sind.
Ihnen wurde oft vorgeworfen, nur zotige Sauf- und Fummel-Hymnen abzuliefern. Wie gehen Sie mit diesem vorauseilenden Ruf um?
Es ging in erster Linie darum zu provozieren. Und natürlich waren nicht alle Texte ernst gemeint. Oder anders gesagt: Es ging auch darum, etwas nicht immer ernst meinen zu müssen und es trotzdem auf der Bühne performen zu können. Und wenn jemand die Texte wortwörtlich versteht, dann ist das sein Thema. Das dachten wir zumindest. Das Konzept ‚Provozieren‘ hat ganz gut funktioniert bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Aber der Humor änderte sich in Deutschland zwischen 2010 und 2020.
Inwiefern?
Naja, mit der „Genderwelle“ änderte sich der Humor. Höhepunkt damals war eine Ausladung von einem Universitätsfest. Eine Studentengruppe befasste sich noch einmal eingehend mit unseren Texten und kam zu der Entscheidung, ihre Einladung rückgängig zu machen. Danach setzten wir uns aktiv mit unserem Humor auseinander. Heraus kam dabei das Album „Sex is Muss“. Das Provozieren mutierte ab da an zum Augenzwinkern.
Sind bei dieser aktiven Auseinandersetzung mit Ihren Texten auch mal innerhalb der Band die Fetzen geflogen?
Nein, wir blieben rein auf der Diskussions-Ebene und betrachteten die Kritik an unseren Texten als Impuls. Am Ende haben wir etwas daraus gelernt und uns weiterentwickelt. „Sex is Muss“ war das produktive Ergebnis. Darüber hinaus haben wir jedoch auch erkannt, dass wir bestimmte Lieder guten Gewissens loslassen können und so heute auch gar nicht mehr schreiben würden.
Zum Beispiel?
„Wunsch ist Wunsch“ würden wir heute nicht mehr spielen.
„Met & Miezen“ geht aber noch?
Klar. Es ist nur musikalisch nicht mehr aktuell.
Sie sind im wahren Leben Psychotherapeut mit eigener Praxis. Würden Sie sagen, dass Ihnen der Beruf bei der Auseinandersetzung mit Ihrem eigenen musikalischen Schaffen geholfen hat?
Meine Beschäftigung mit der Psychotherapie hat ein eigenes tiefes Interesse am Verständnis unseres Menschseins. Die Verbindung dessen mit der Band hat sich Stück für Stück entwickelt. Beispielsweise, um gruppeninterne Prozesse und unsere Kommunikation zu verbessern. Psychologisches Wissen kann da sehr hilfreich sein.
Beispielsweise?
Wir haben erkannt, dass es sinnvoll ist, Krisengespräche zeitnah durchzuführen und an unseren „Themen“ dranzubleiben. So haben wir regelmäßig Gruppengespräche geführt. Denn wenn du als Team zusammen auf der Bühne mit einer hohen Energie stehst, brauchst du eine gute Gruppendynamik und Zusammengehörigkeit.
20 Jahre Feuerschwanz: von feuchtfröhlichen „Met & Miezen“-Nächten über hitzige Sexismus-Debatten bis hin zu Chart-Spitzenplätzen und dem ESC-Vorentscheid: Kommen Sie eigentlich aus dem Staunen noch heraus?
Ja, auf jeden Fall. Nach dem Staunen sollte ein gelingender Verarbeitungsprozess folgen. Nach dem intensiven Monat in Köln beim ESC-Vorentscheid zum Beispiel brauchten wir alle eine recht lange Verarbeitungszeit. Nicht zuletzt auch, weil wir in dieser Zeit mit einer völlig neuen Medienstruktur konfrontiert wurden.
Und wie hat euch Herr Raab beurteilt?
Er hat uns und unseren Song „Knightclub“ grundsätzlich positiv bewertet, aber bei der ESC-Hauptrunde hat er uns nicht gesehen.
Ihr spielt demnächst in Düsseldorf (18.10.), der Stadt mit der längsten Theke der Welt. Was darf man an diesem Abend von Feuerschwanz erwarten?
Wie immer eine hohe Energie während der Show. Im Rahmen der „Lords Of Fyre“-Tour spielen wir zusammen mit Lords of the Lost eine Co-Headliner-Tour. Polarität pur sozusagen: Schwarze, düstere Energie gepaart mit ästhetischer Bühnenpräsenz. Wikinger-Feier und Mittelalter-Nightclub-Feeling an einem Abend.
Vielen Dank für das Gespräch.