Düsseldorf (kle)
Die Düsseldorfer Punkrockband Massendefekt feiert ihr 25-jähriges Bestehen und veröffentlicht ihr zehntes Studioalbum „Massendefekt“. Sänger Sebi und Gitarrist Nico sprechen über alte Songs, neue Freiheiten und die Frage, wie man als Punkrocker in Würde älter wird.
Morgen ist Probe. Fünf Songs stehen auf dem Programm. Vier davon hat Massendefekt noch nie live gespielt. Was nach einer ziemlich jungen Band klingt, bekommt eine gewisse Komik, wenn man weiß, dass die Düsseldorfer gerade ihren 25. feiern. Schuld ist „Tangodiesel“. Das Album wird 15, die Band will es deshalb bei einem Konzert einmal komplett von vorne bis hinten spielen. Also müssen Stücke ausgegraben werden, die irgendwo im eigenen Archiv liegen geblieben sind. Sänger Sebi hat schon mal angefangen. „Ich habe mir zu Hause die Platte nochmal angehört“, sagt er. Dann grinst er. „Ist ja auch nervig, die eigenen Sachen zu hören.“ Neben ihm sitzt Nico. Seit 2018 ist er dabei, einige dieser alten Stücke kannte er bislang eher flüchtig. Jetzt muss auch er zeitlich zurückrudern. „Man beschäftigt sich damit, hört dann auch mal einen Text und denkt: Ah, okay, so ist das gemeint.“
Dabei könnte die Band gerade allen Grund haben, sich gemütlich in der eigenen Vergangenheit einzurichten. Jubiläum feiern, Best-of zusammenstellen, alte Geschichten erzählen. Stattdessen heißt das zehnte Studioalbum schlicht „Massendefekt“. Kein Rückblick, eher eine Standortbestimmung. Denn natürlich klingt „Massendefekt“ nach Massendefekt: Gitarren, Melodien, Punkrock, dieser wiedererkennbare Zugriff auf Refrains. Nach einem Vierteljahrhundert weiß eine Band schließlich, wie sie klingt. Die interessantere Frage ist deshalb: Will man sich nach 25 Jahren überhaupt noch überraschen? Sebi schaut kurz irritiert. „Haben wir doch teilweise gemacht, oder siehst du das nicht so?“ Touché.
Die Veränderung steckt diesmal weniger in einem großen stilistischen Bruch als in der Art, wie die Platte entstanden ist. Schon beim Vorgänger hatte die Band begonnen, sich stärker in den eigenen Proberaum zurückzuziehen, erste Spuren selbst aufzunehmen und weniger Arbeit ins Studio auszulagern. Diesmal gingen die fünf noch weiter. „Kein Bock, es irgendwem recht zu machen“, beschreibt Sebi die Ausgangslage. „So sehr wir auch die Leute lieben, die zu unseren Konzerten kommen, die Fans und so: Lass doch einfach eine Platte schreiben für uns.“ Vielleicht muss man erst so lange dabei sein, um sich diesen Luxus zu erlauben. Die Düsseldorfer betreiben ihr eigenes Label, Nico produziert mit, vieles entsteht im Proberaum. „Wir haben nicht auf unsere Fans gehört“, sagt Sebi. Früher sei bei der Arbeit durchaus einmal der Gedanke aufgekommen, man müsse einen Song schreiben, den die Leute feiern. Diesmal nicht. „War mir scheißegal. War uns scheißegal. Es muss uns gefallen.“
Und ausgerechnet das bringt etwas zurück, das Sebi zuletzt ein wenig vermisst hatte: mehr Punkrock-Charakter, mehr „Dreck“.
Vielleicht ist das die kleine Pointe dieser Jubiläumsplatte: Massendefekt klingt besonders nach Massendefekt, weil Massendefekt nicht darüber nachgedacht hat, wie Massendefekt klingen muss.
Ganz ohne Korrektiv geht es trotzdem nicht. Nur sitzt niemand mehr am Ende des Tisches und hebt oder senkt den Daumen. Das erledigen die Musiker selbst. Manchmal ziemlich demokratisch. Einer kommt mit einer Idee, zwei andere schauen ihn an und fragen: „Was ist das denn? Lass mal lieber stecken.“ Dann war es das erst einmal.
Dabei gab es diesmal Material genug. Zum ersten Mal sei bei einer Platte ein echter Überschuss an Songs entstanden. Zahlreiche Ideen wurden ausprobiert, Stücke blieben liegen, andere waren fast fertig und schafften es trotzdem nicht aufs Album. Bei einem Song stimmten für Sebi Text und Riff, wohl fühlte er sich trotzdem nicht. Die Strophe sei nicht geflossen, die Stimmlage habe nicht gepasst. „Da denke ich mir halt: Das geht geiler.“ Nach 25 Jahren kann Professionalität offenbar auch bedeuten, etwas liegen zu lassen.
Die neue Freiheit verändert dabei nicht nur die Musik. „Wir sind untereinander mehr gewachsen“, sagt Sebi. Bei der Arbeit an der Platte hätten sie über Dinge gesprochen, über die sie vorher nie miteinander gesprochen hätten. Einer kam mit einem Bild, ein anderer mit einem Gedanken, jemand wollte etwas ausprobieren. Die Antwort lautete erstaunlich oft: Machen wir. Mal sehen, was passiert.
Auch deshalb trägt das Jubiläumsalbum keinen rückwärtsgewandten Titel. Kurz stand wohl „Album 10“ im Raum, mit einem X für die römische Zehn. Am Ende blieb nur der Bandname. Massendefekt. Ein Name, der 25 Jahre nach seiner Erfindung nicht unbedingt an Aktualität verloren hat. Sebi und Nico müssen über die Bemerkung erst einmal lachen. Dabei ist der Titel für sie weniger Rückblick als Gegenwartsbeschreibung. „Das sind wir gerade“, sagt Sebi.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die fünf nicht wissen, was sie musikalisch sind. Im Gegenteil. Nico empfindet es als „ganz großes Kompliment“, wenn Menschen einen Song hören und die Band sofort erkennen. Wer eine Platte veröffentlicht, mache sich ohnehin verletzbar. Man stellt etwas hin und sagt: Das haben wir gemacht.
Sebi wird noch deutlicher, wenn es ums Live-Spielen geht. Er könne es zum Verrecken nicht leiden, wenn er bei einer Band das Gefühl habe, ein komplett durchgetaktetes Programm zu sehen. Natürlich gibt es auch bei ihnen feste Abläufe, wiederkehrende Ansagen, Stellen, an denen jeder weiß, was passiert. Aber eben nicht anderthalb Stunden lang. „Wenn wir nicht gut drauf sind, sind wir nicht gut drauf“, sagt er. „Das merkt leider auch das Publikum.“ Das klingt zunächst nicht unbedingt nach einem Qualitätsversprechen. Für Sebi ist es trotzdem eines: „Es ist immer ehrlich und persönlich.“
Vielleicht lässt sich auch deshalb mit dem Älterwerden ganz gut leben. Denn natürlich hat sich in 25 Jahren etwas verändert. Früher begann ein Konzerttag gerne schon mit den ersten Bieren im Bus. Danach wurde gespielt, weitergetrunken, irgendeine Kneipe gefunden und irgendwann saß die Mannschaft reichlich zerstört wieder auf der Rückfahrt. Heute trinken einige in der Band gar keinen Alkohol mehr. „Natürlich ist die ganze Aftershow-Party dementsprechend lame“, sagt Nico.
Ganz verloren ist die alte Welt allerdings nicht. Kürzlich waren die Düsseldorfer mit Dritte Wahl unterwegs. Zwei Leute aus der Crew zogen nach dem Konzert noch los. Am nächsten Morgen musste die Reise weitergehen; nur wusste zunächst niemand so genau, in welchem Hotelzimmer einer der beiden überhaupt gelandet war. Also begann der Tag damit, Telefone klingeln zu lassen und an Türen zu klopfen. Nico fand das gleichzeitig schön und „mega nervig“. Vielleicht ist genau das Erwachsenwerden im Punkrock: Die Exzesse verschwinden nicht. Sie werden organisatorisch lästig.
Und sie tun mehr weh. Solche Nächte gebe es noch, sagen beide. Nur seien sie seltener geworden und täten auch viel mehr weh als früher. Dazu kommt etwas anderes: Verantwortung. „Wenn ein Ticket 30 oder 40 Euro kostet, 600 Menschen vor der Bühne stehen und dafür bezahlt haben, eine Band zu sehen“, könne man nicht jedes Mal morgens um sieben aus der Eckkneipe stolpern und hoffen, dass es am Abend irgendwie gehen wird, sinniert Sebi. Verdächtig erwachsen klingt das.
Bleibt also nur die Frage, wie lange man Punkrock eigentlich in Würde altern lassen kann. Nico ist vor wenigen Wochen 50 geworden. Natürlich denke man dann gelegentlich zehn Jahre weiter. „Kann man das in Würde noch machen?“, hat er sich gefragt. Er schaut zu Dritte Wahl, deren Musiker ein ähnliches Alter haben, und findet dort seine Antwort: Klar kann man. Sebi braucht für die Zukunft weniger Rechnerei. Solange die Spielfreude da sei, solange sie gerne zusammen auf der Bühne stehen und ihre Songs spielen, gebe es keinen Grund, einen Deckel draufzumachen. Damit die Band wirklich aufhört, müsste wohl „ein riesiger Knall“ kommen. Und wenn irgendwann die Kräfte oder der Ehrgeiz nachlassen? Dann wird es eben weniger. Vielleicht zwei Konzerte im Jahr. Vielleicht irgendwann keine Tour mehr. Aber solange diese fünf Männer noch Lust haben, miteinander Musik zu machen, muss daraus kein Abschied werden.
Am nächsten Tag ist sowieso erst einmal Probe. Fünf alte Songs. Vier davon noch nie live gespielt.