Köln (kle)
Interview mit Peter Maffay und Johannes Oerding
Peter Maffay und Johannes Oerding haben gemeinsam ein Album aufgenommen, auf dem es um weit mehr als Musik geht. „Nashville“ handelt vom Unterwegssein und Ankommen, von Selbstbestimmung und der Frage, wie viel Zuversicht eine ziemlich unübersichtliche Gegenwart noch verträgt. Im Interview erzählen die beiden, warum der Blick zurück die Vergangenheit schnell verklärt, weshalb Künstler Haltung zeigen dürfen, und wie in Nashville plötzlich Töpfe und Pfannen zu Instrumenten wurden. Am Ende landen sie dort, wo ihr Album beginnt: an einer Kreuzung.
Herr Maffay, Herr Oerding, Ihr Album beginnt mit einer Kreuzung. „Wenn du an einer Kreuzung stehst, liegt’s an dir, wohin die Reise geht“, heißt es da. Glauben Sie tatsächlich, dass wir so viel selbst bestimmen können?
Peter Maffay: Der erste Song ist wirklich die Ouvertüre des Albums. Er soll einen gemeinsamen Nenner wiedergeben: die vielen Kreuzungen, an denen Johannes und ich gestanden haben. Wenn wir selbstbestimmt leben wollen, liegt es an uns, die Richtung einzuschlagen. Nach vorne, nach rechts, nach links. Wahrscheinlich nicht nach hinten. Aber auch das passiert manchmal.
Johannes Oerding: Und manchmal, weil man nicht anders kann. Es gibt Menschen, die haben sehr viele Kreuzungen. Und es gibt Menschen, bei denen nicht jeder Weg weiterführt, weil die Umstände dafür sorgen, dass sie vielleicht nur in einer Sackgasse stehen. Aber ich glaube, was wir sagen wollten, ist: Wichtig ist, dass man sich die Chance erarbeitet oder dafür kämpft, zumindest selbst zu entscheiden, wo es langgeht.
Maffay: In einer freien Gesellschaft ist das ein hohes Gut: selbst bestimmen zu können, wohin man gehen will.
In „Ein Leben lang ist nicht lang“ singen Sie: „Lass uns nicht etwas sein, sondern auch etwas werden.“ Sie sind 77 und 44 Jahre alt, beide seit Jahrzehnten erfolgreich. Was möchten Sie eigentlich noch werden? Herr Maffay, ich war vor anderthalb Jahren bei Ihnen in Köln im Stadion. Danach bin ich nach Hause gegangen und dachte: Schön war’s mit Herrn Maffay.
Maffay: Und dann kam Johannes um die Ecke und sagte: „Machen wir Pause von der Pause.“ Der Satz gefiel mir. Ich glaube, unser Trip wird anhalten, ein bisschen salopp gesagt: bis man in der Urne liegt. Wenn man mit Musik lebt und dadurch so viele maßgebliche Erfahrungen und Begegnungen hatte, verschiebt sich der Horizont automatisch immer weiter nach vorne. Wir fühlen uns als Entdecker oder Reisende und wollen immer wissen: Wie sieht es hinter der Grenze aus? Wo geht es da weiter? Das wird wahrscheinlich erst aufhören, wenn man den Löffel abgibt.
Oerding: In der Zeile steckt wahnsinnig viel Carpe Diem: Pack die Dinge an und lass die Zeit nicht verstreichen, wenn du das Gefühl hast, da muss jetzt etwas entstehen. Wir haben aneinander entdeckt, dass wir beide immer noch etwas dazulernen und neugierig bleiben wollen. Ich werde oft gefragt: „Johannes, wann kommst du denn endlich an?“ Dann denke ich: Warum muss man eigentlich ankommen? Unterwegs zu sein kann doch auch ein Ankommen sein.
Bei „Sisyphos“ wird die ansonsten sehr zuversichtliche Platte plötzlich düster: marschierende Stiefel, Hass, Ego an der Macht, fünf vor zwölf. Wenn Sie auf unsere Gesellschaft schauen: Was überwiegt bei Ihnen: Sorge oder Zuversicht?
Oerding: Bei „Sisyphos“ haben wir bewusst versucht, eine düstere Welt zu zeigen. Eigentlich eine Zustandsbeschreibung dessen, was uns tagtäglich auf dem Handy in die Hosentasche flattert: eine Krise, eine Auseinandersetzung, eine Konfrontation nach der anderen. Diese Ängste tragen wir auch in uns. Aber es geht darum: Es gibt noch Hoffnung. Wir müssen uns ranhalten, immer wieder aufstehen und gegen diese Bedrohungen anarbeiten.
Maffay: Wir haben Gaza, die Ukraine, den Iran, den Kongo, das Klima, Deutschland, Erosionen in unserer Demokratie. Uns wird gegenwärtig, wie viel wir als Weltgemeinschaft reparieren müssten, wenn wir der nächsten Generation eine Welt übergeben wollen, die noch lebenswert ist. Gleichzeitig ist „Sisyphos“ ein positives Lied. Wir geben niemals auf. Wir laufen möglicherweise gegen Windmühlen. Aber wir laufen. Wir stehen nicht herum und warten, bis uns alles überrollt. Das ist auch eine Form von Positionierung.
Kann man angesichts all dessen heute überhaupt noch ein Album machen, ohne sich gesellschaftlich zu positionieren?
Maffay: Ein Album ist ein Spiegelbild dessen, wie man sich fühlt und wo man selbst steht. Es steht nirgendwo geschrieben, dass ein Interpret verpflichtet ist, sich zu positionieren. Das macht man freiwillig. Jeder in dem Umfang, den er für richtig hält. Aber ich glaube schon, dass die Leute wissen wollen, wer wir sind, wo wir stehen und wofür wir stehen. Wir müssen uns ein bisschen zu erkennen geben. Jeder von uns hat Situationen erlebt, die grenzwertig waren. Ich war vor vielen Jahren bei „Rock gegen Rechts“ in Jena auf der Bühne. Das werde ich nicht vergessen. Und jetzt erleben wir Dinge, die wieder in diese Richtung gehen. Da zu sitzen und alles abzuwarten, ist geradezu gefährlich.
Das Video zu „Sisyphos“ spielt im Hamburger Warburg-Haus. Auch das ist kein Zufall, oder?
Maffay: Nein. Das Warburg-Haus gehörte einer jüdischen Familie. Dort gab es eine Bibliothek, die 1933 nach England gebracht wurde, damit die Bücher nicht den Nazis in die Hände fallen. Dort haben wir zusammen mit Kindern das Video gedreht. Das ist ein Statement.
Zwischendurch darf es auf dem Album aber auch ziemlich leicht werden. Im „Kneipen-Skiffle“ heißt es: „Erzähl mir noch einmal, was früher besser war.“ Was war denn früher tatsächlich besser?
Oerding: Der Song ist aus einer Laune heraus entstanden. Wir saßen bei Peter im Studio, haben nach Feierabend noch ein Bier getrunken, angefangen zu spielen und ein bisschen Faxen gemacht. Irgendwann dachten wir: Eigentlich muss so eine Nummer auch auf die Platte. Wir haben uns in diesen Skiffle hineingehört. In Nashville wurde das dann von Leuten umgesetzt, die diesen Stil wirklich spielen. Wir hier können den eigentlich nur nachmachen.
Maffay: Johannes sagte irgendwann: „Das könnte man auch auf einem Waschbrett spielen.“ Einer der Musiker lief raus auf den Parkplatz, kam mit einem Waschbrett zurück, und was passierte? Er konnte das richtig spielen. Dann haben wir gescherzt: Gleich kommst du noch mit Töpfen und Pfannen. Also holte er aus seinem Bus Töpfe und Pfannen und spielte darauf mit Löffeln. Das ist verrückt. Diese Leute leben in dieser Country-Rock-Kultur.
Nun ist „Erzähl mir noch einmal, was früher besser war“ aber ein Satz, mit dem inzwischen auch Politik gemacht wird. Rechnen Sie damit, dass man Ihnen diese Nostalgie vorhalten könnte?
Oerding: Das ist ganz lustig, dass Sie das da hineininterpretieren. So weit haben wir beim „Kneipen-Skiffle“, also ich zumindest, gar nicht gedacht. Wir haben uns einfach in diese Szene verliebt: Zwei Männer sitzen in der Kneipe, müssten eigentlich längst nach Hause und sagen: „Aber weißt du noch früher? Als wir noch hätten Bundesligaspieler werden können, bevor der Kreuzbandriss kam?“
Aber im Grunde genommen haben Sie recht. Das ist genau der Tenor, mit dem gerade Politik gemacht wird: Wir wollen unser Deutschland von vor zehn oder 15 Jahren zurück. Aber spul doch mal zurück. Da waren Finanzkrise, Euro-Krise, hohe Arbeitslosigkeit und ganz schön viel Bullshit. Das ist kein richtiger Rückblick. Nostalgie macht alles blumiger und blendet die Realität aus.
Warum funktioniert diese Verklärung trotzdem so gut?
Oerding: Ich kann sie sogar verstehen. Wenn Leute sagen, sie wollen ihr Land so zurück, wie es vor 15 oder 20 Jahren war, dann sind das oft Menschen, die damals ihre Jugend erlebt haben. Die ersten tollen Erlebnisse, die besten Sommer ihres Lebens, Freundeskreis, noch keine Familie, keine große Verantwortung. An so einer Erinnerung klammert man sich gerne fest. Aber die Realität jedes Jahrzehnts ist eine andere, als man sie später verklärt.
Am Anfang des Albums stehen Sie an einer Kreuzung. Im 47-sekündigen letzten Stück kehren Sie mit derselben Zeile und demselben musikalischen Motiv genau dorthin zurück. Sind Sie nach diesen elf Stücken eigentlich weitergekommen?
Oerding: Ich habe zumindest ziemlich viele Facetten meiner Welt durchgespielt. Wenn ich das Album höre, ist alles drin: Nostalgie, Zukunftsgewandtheit, Zuversicht, Humor, Augenzwinkern. Und über die ganze Platte hinweg unsere musikalischen Wurzeln. Dieses handgemachte Gitarrenspiel, unsere Heroes, die aus den USA zu uns herübergeschwappt sind. Danach denke ich: Ich wüsste nicht, welchen Song ich für diese Platte noch schreiben sollte.
Maffay: Und der Song „Nach Hause“ ist eigentlich unser Leben. Dieses Leben zwischen Wegfahren und Wiederkommen. Wir leben beide seit Jahrzehnten in diesem Spannungsfeld. Irgendwann hat jeder von uns Blut geleckt und festgestellt, wie reichhaltig und interessant das ist, was man unterwegs erleben kann. Und wenn man lange genug unterwegs gewesen ist, besinnt man sich wieder auf die Urzelle aller Kraft: die Familie.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Maffay und Herr Oerding.
Nachtrag: Am Tag dieses Interviews wurde Tobias Rausch in Sachsen-Anhalt zum ersten AfD-Landtagspräsidenten Deutschlands gewählt. Hans-Thomas Tillschneider wurde zum Vizepräsidenten gewählt.