Bob Dylan in Düsseldorf: Die Antwort kommt nach 25 Jahren

WAZ

Düsseldorf (kle) Ende der Neunzigerjahre: Eine nächtliche Autofahrt nach irgendeiner Party. Am Steuer Anja, die Mutter einer alten Freundin. Im Radio läuft Bob Dylans „Blowin’ in the Wind“.Anja dreht lauter, singt mit. „The answer, my friend, is blowin' in the wind / The answer is blowin' in the wind“. Und plötzlich laufen ihr Tränen übers Gesicht. Ich bin zwanzig und verstehe nicht, warum. Mehr als ein Vierteljahrhundert später frage ich sie danach. Sie erzählt von ihren beiden Schwestern, mit denen sie das Lied als Jugendliche immer gehört hat.

Ein paar Stunden später sitzt Bob Dylan tatsächlich da. Auf der Bühne der Düsseldorfer Mitsubishi Electric Halle. Vor rund 4000 Menschen. Hinter seinem E-Piano. 85 Jahre ist er mittlerweile. Ein Mann, dessen Lieder längst mehr erlebt haben als manche Menschen, die sie hören. Punkt 20 Uhr. „Watching the River Flow“. Ein Lied aus dem Jahr 1971. Damals war Dylan 29.

„Aber ist das wirklich Bob Dylan?“, fragt jemand seinen Sitznachbarn. Ja, ist das wirklich Bob Dylan, der gebeugte Mann in schwarzer Hose und schwarzem Hoodie? Die Kapuze schattiert sein Gesicht. Aus der Entfernung sieht er ein bisschen wie ein nahender Bösewicht aus. Einer, der gleich etwas ausheckt. Vielleicht sogar die eigene Musik. Jazzgitarrist Julian Lage, Bassist Tony Garnier und Schlagzeuger Anton Fig begleiten ihn.

Viel Bewegung gibt es nicht. Dylan bleibt hinter seinem Instrument. Er ist da. Mehr braucht es nicht. Die Halle gleicht weniger einer ausrastenden Fangemeinde als einer Versammlung konzentriert-schüchterner Zuhörer. Ein Konzert voller introvertierter Individualisten. Fast ehrfürchtig. Fast bedächtig. Man lauscht schließlich einem singenden Literaturnobelpreisträger. Dabei möchte man die Menschen am liebsten durchschütteln. Schließlich sitzt da vorne Bob Dylan! Doch der singt einfach. Mit einer Stimme wie ein alter Dieselmotor: zunächst schwer zu starten, gelegentlich bedenklich zitternd, später erstaunlich zuverlässig auf Betriebstemperatur. Die Worte verschwinden anfangs zwischen kehligem Krächzen und Instrumenten. Dann schabt, knurrt und zischt die Stimme. Schön ist das nicht immer.

Auch musikalisch wird niemand mit Nostalgie gefüttert. Dylan verändert seine Lieder, verschiebt Konturen, lässt Melodien ausfransen. Manchmal klingt das wie eine Beerdigungskapelle vollgestopft mit Ironie und Zynismus, die auf dem Weg zum Friedhof lieber noch eine Runde durch die Stadt dreht. „I'm going down the river / Down to New Orleans“. Wer die Schallplatten seiner Jugend noch einmal live hören will, muss sich umstellen.

Dann geschieht etwas Merkwürdiges. Man hört auf, nach bekannten Melodien zu suchen. Hört auf, sich zu fragen, welches Lied gerade gespielt wird. Stattdessen findet man sich in einer Landschaft zwischen Blues, Country und amerikanischer Folklore wieder. Eine Art dylansche Gänseblümchenwiese. Auf den ersten Blick nicht besonders aufregend. Aber groß genug, um sich darin zu verlieren. Um sich ins Gras zu legen. Während viele der Viertausend dort seltsam beseelt herumschlummern, denken sie vielleicht über Menschen nach, die einmal wichtig waren. Oder darüber, ob im eigenen Leben noch alles in Ordnung ist. „Black Rider“, dieser düstere, beinahe gesprochene Song, klingt wie ein Gespräch mit jemandem, den man lieber nicht kennenlernen möchte.

Aber. Ein fettes Aber: Dylans Musik ist nicht bloß Besäuselung. Nicht nur eine verschlafene Country-Veranstaltung im Wiesenformat. Und schon gar keine philosophische Lehrstunde, bei der ein Nobelpreisträger seine Weisheiten verteilt. Denn die könnte einem gehörig auf die Hutschnur gehen. Die Musik besitzt eine stoische, beinahe litaneiartige Dynamik. Sie schaukelt sich auf, fällt in sich zusammen, treibt wieder vorwärts. Als wäre der alte Dieselmotor plötzlich zu allen Schandtaten bereit. Kein rechts. Kein links. Nur geradeaus. Komme, was wolle. Trotz jeder Schieflage. Musik, die keine Eile hat. Und gerade deshalb vorankommt. Sie knattert als Letzte um die Ecke. Und zieht am Ende selbst den Zündschlüssel.

Apropos: Nach rund 80 Minuten ist Schluss. Kein Spektakel, keine pathetische Abschiedsgeste. Die Menschen applaudieren. Manche wirken ein wenig verloren. Als seien sie gerade aus ihrem Alltag, ja, aus ihrer Zeit gefallen. So wie Anja. Damals. Seit heute Abend verstehe ich sie.


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