Köln (kle) Johannes Enders widmet sich mit seinem internationalen Quartett im Kölner Jazzclub King Georg den großen Fragen des Jazz. Unter dem Titel „Standard Questions“ interpretiert er bekannte Standards auf seine ganz eigene Weise.
Es gibt Fragen, auf die niemand eine Antwort weiß. Und solche, auf die es gleich mehrere gibt. Im Jazz kommt noch eine dritte Möglichkeit hinzu: Man spielt einfach. Spielt einfach weiter. Hier eine Geschichte dazu.
Warum zum Beispiel spielt man an einem Donnerstagabend als Musiker im King Georg? Pianist Oliver Kent ist dafür extra 14 Stunden mit der Bahn aus Wien angereist. Bassist Doug Weiss kommt schnell mal aus Berlin in die Sudermanstraße herübergehuscht, Schlagzeuger Gene Calderazzo überquert den Ärmelkanal, und Johannes Enders, der Oberbayer und einer der profiliertesten Jazz-Saxofonisten der Republik: Der steht mit seinem Tenor und seinen verwuschelten Haaren ganz vorne im Rampenlicht. Vier Musiker, rund 40 Zuhörer.
Zunächst klingt alles nach einem ziemlich geordneten Gespräch. Saxofon, Klavier, Kontrabass und Schlagzeug. Jeder hat etwas zu sagen, keiner fällt dem anderen unnötig ins Wort. Fast möchte man den Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun bemühen: Wer übernimmt hier eigentlich Sachebene, Beziehung, Selbstkundgabe und Appell? Doch bevor sich das klären lässt, erklärt Enders das Konzept des Abends. „‘Standard Questions‘ heißt das Programm“, grummelt er ins Mikro. Gespielt würden ausschließlich Jazzstandards, deren Titel Fragen stellen. „Isn't It Romantic?“ zum Beispiel.
Die Musik wechselt zwischen beinahe poppigen Melodien und avantgardistischen Ausflügen. Mal ist alles leicht zugänglich wie Pizza im Kühlregal, dann wieder undurchdringlich wie Kafkas „Vor dem Gesetz“. Die Besucher allerdings wirken konzentriert und ganz nah dran an den vier Instrumentalisten. Als Enders „What Are You Doing the Rest of Your Life?“ bespielt, scheint ein Teil des Publikums gedankenverloren zu versuchen, sich diese Frage zu beantworten. Weiss lässt die Saiten seines Kontrabasses zucken, Calderazzo streichelt mit seinen Besen über die Felle. Und irgendwo dazwischen verliert sich die Frage, was man eigentlich mit dem Rest seines Lebens anfangen soll. Die drei Jungs um Enders würden einfach zusammen weiterspielen. Höchstwahrscheinlich.
Zwischendurch verliert Calderazzo einen Drumstick. Ein kurzer Moment der Verlegenheit. Aber wirklich nur ein kurzer. Der Mann ist schließlich gebürtiger New Yorker. Da bringt einen so schnell nichts aus dem Takt.
Schließlich: die endersche Eigenkomposition „Why?“ Für den Weilheimer die wichtigste aller Fragen. Und plötzlich scheint auch musikalisch etwas zu gehen. Das Quartett spielt, als hätte es endlich den gemeinsamen Gesprächsfaden gefunden. Da ist nur noch Beziehung. Und dann? „How High the Moon?“. Bleibt eigentlich nur noch eine Frage offen: Welche würdest du stellen?
Info
Der 1967 im oberbayerischen Weilheim geborene Johannes Enders zählt zu den profilierten deutschen Jazzsaxofonisten. Nach Studien in München, Graz und New York machte er sich mit eigenen Formationen einen Namen. Neben dem akustischen Jazz beschäftigt er sich intensiv mit elektronischer Musik, unter anderem beim Tied & Tickled Trio und mit seinem Projekt Enders Room. Der mehrfach ausgezeichnete Musiker, der auch mit der Indie-Band The Notwist zusammenarbeitete, ist seit 2009 Professor für Jazzsaxofon in Leipzig. Im Kölner King Georg widmet er sich mit seinem Quartett unter dem Titel „Standard Questions“ der Neuinterpretation von Jazzstandards.