Die Toten Hosen auf Auswärtsspiel in Köln – „Eigentlich lieben wir euch“
Köln (kle) Anja und Angela aus Düsseldorf sitzen auf einer Bank vor dem RheinEnergie-Stadion. Beide tragen T-Shirts der Toten Hosen. Beide sind Anfang siebzig. Für das Konzert der Düsseldorfer Punkrock-Institution sind sie eigens aus ihrer Heimatstadt nach Köln gefahren. Rund 40.000 Menschen erleben an diesem Abend die erste von zwei Shows der „Trink aus! Wir müssen gehen“-Tour im Wohnzimmer des 1. FC Köln. Anja und Angela sehen glücklich aus. Als müsste man diese Reise über den Rhein gar nicht weiter erklären.
Eine Stunde später liefert Campino die passende Erklärung gleich selbst. „Obwohl es nur 50 Kilometer bis nach Hause sind, war es doch ein langer Weg bis nach Köln.“ Dann erzählt er von den ersten Konzerten Anfang der 1980er-Jahre im Kölner Stollwerck. Das Repertoire sei damals so klein gewesen, dass die Hosen ihr Set einfach ein zweites Mal gespielt hätten. Beim zweiten Durchgang sei allerdings kaum noch jemand da gewesen. „Und trotzdem war es schön.“
Heute geht niemand früher.
Mehr als vier Jahrzehnte später füllen die Toten Hosen das RheinEnergie-Stadion beinahe mühelos. Der Weg von Düsseldorf nach Köln mag auf der Landkarte kurz sein. Musikalisch war er deutlich länger.
Dass die Band im Stadion des Effzeh spielt, während ihr Herzensverein Fortuna Düsseldorf erst vor wenigen Wochen in die 3. Liga abgestiegen ist, schreibt die schönsten Gags des Abends fast von selbst. Campino fordert mehr Applaus. „Für Leverkusen wäre das genug. Aber wir sind doch hier in der Domstadt!“ Wenig später nimmt er den Eintrittspreis für den Kölner Dom auseinander. Wie Menschen dem Glauben näherkommen sollen, wenn sie vorher bezahlen müssen, fragt er. Danach folgt „Paradies“. Kann man eine Setlist schöner kommentieren?
Bei „Auswärtsspiel“ wächst plötzlich ein Fahnenmeer aus dem Innenraum. Dutzende Banner. Rot. Weiß. Die Bilder wirken sogar noch stärker als beim Düsseldorfer Heimspiel vor zwei Wochen. Wahrscheinlich, weil der Song diesmal tatsächlich ein Auswärtsspiel begleitet.
Apropos: Den Auftakt an diesem Abend übernimmt ausgerechnet die Antilopen Gang samt Sänger Danger Dan. Das wirkt in diesen Tagen beinahe folgerichtig. Mit „Keine Angst“ und der Debatte um den abgesagten ZDF-Auftritt steht der Liedermacher gerade selbst im Zentrum einer Diskussion über Kunstfreiheit und Haltung. Die Toten Hosen kennen solche Debatten seit Jahrzehnten. Sie mussten ihre politische Haltung nie neu entdecken. Sie haben sie immer vertreten. Lange bevor sie gesellschaftlicher Konsens wurde.
Musikalisch liefern die Düsseldorfer das, was sie seit Jahren auszeichnet: Punkrock. Stadionhymnen. Große Refrains. An der einen oder anderen Stelle schleicht sich allerdings auch Routine ein. Manche Ansagen sitzen fast schon zu perfekt. Manche Übergänge ebenso. Das fällt auf. Stört aber kaum.
Bei „Laune der Natur“ bewegen sich die Arme der Zuschauer wie eine einzige große Welle durch das Stadion. „Bonnie & Clyde“ gehört zu den lautesten Momenten des Abends. Einen der emotionalsten Höhepunkte erreicht die Band jedoch mit „Wünsch dir was“. 40.000 Menschen singen jede Zeile mit. „Es kommt die Zeit, in der das Wünschen wieder hilft.“ Selten klang diese Zeile so gegenwärtig. Nach „Hier kommt Alex“ blickt Campino ins Rund. „Eigentlich lieben wir euch.“
Anja und Angela dürften spätestens da gelächelt haben. Fazit: Der Weg nach Köln war tatsächlich länger als 50 Kilometer. Er hat nur etwas mehr als vier Jahrzehnte gedauert.