Annenmaykantereit können auch Stadion

Köln (kle) AnnenMayKantereit (AMK) haben viele Freunde. Zumindest in Köln. Ist die Schlange vor dem Gästeticket-Schalter doch ungewöhnlich lang kurz vor Konzertbeginn, weil es das Heimspiel der drei Schulfreunde ist. Viele Schlangensteher werden erst zur vierten oder fünften Nummer im nicht ganz ausverkauften Rhein Energie-Stadion sein. Den Stadionwiesen-Picknickern ist das wurscht. Sie sitzen in kleinen Grüppchen zusammen auf ihren Decken und lauschen in dieser lauen Sommernacht „Marie“, „Ozean“ oder „Barfuß am Klavier“. Der Sound ist perfekt. Die Kulisse gewaltig, sind doch rund 30.000 Menschen gekommen, um die einstige Straßenmusik-Kombo im Stadion des sympathischen Erstligisten abzufeiern. Und so schwebt, wie eigentlich auch schon vor drei Jahren, über all dem die Kernfrage: Können AnnenMayKantereit, eine Band, die groß geworden ist, indem sie intime Gefühle direkt auf dem Asphalt ausbreitet, überhaupt Stadion? Ums abzukürzen: Ja, das können sie.  

Wer hier die übliche, durchgestylte Stadion-Bombast-Show mit Countdown und allerlei Pyro- und Lichteffekten erwartet, wird eher enttäuscht. Und auch ein Intro, das, naja, gibt es einfach nicht. Der dunkelblaue Vorhang wird zur Seite gezogen, und dann stehen die drei Jungs - Christopher Annen, Severin Kantereit und Henning May – einfach so da. Dem Frontmann mit der charakteristischen Bariton-Stimme ist warm, schlendert er doch in einer kurzen schwarzen Jeans-Shorts über die Bühne. Die Dreißigtausend jubeln ihren Heimatlieblingen frenetisch zu. Viel Zeit dafür allerdings bleibt nicht, dürfen sie doch in Bälde „Die Vögel scheißen vom Himmel / Und ich schau dabei zu / Und ich bin hier und alleine / Marie, wo bist du?“ mitsingen.

Und schon während der ersten Minuten wird klar, wohin die Reise geht: AMK bringen den intimen Sound und Charakter ihrer Songs mühelos auf die ganz große Bühne. Das funktioniert. Dabei klingen sie, als würden sie sich um Genregrenzen kaum kümmern. In ihren Songs treffen Folk und Singer-Songwriter-Tradition auf Soul, Blues und klassischen Rock, ohne dass daraus ein stilistisches Sammelsurium entstünde. Vielmehr entsteht der Eindruck einer Band, die sich aus unterschiedlichen musikalischen Epochen bedient und daraus einen eigenen, erstaunlich zeitlosen Sound formt. Bei all dem könnte man sich fragen: Warum sind eigentlich so viele ihrer Titel Namen? Weshalb geht es in jedem ihrer Nummern, zumindest subjektiv betrachtet, um das „Du“, um diese eine, ganz bestimmte angesprochene Person? „Marie“, „Jenny Jenny“, „Pocahontas“ oder selbstverständlich „Tommi“, das sind Menschen wie du und ich. Jedes Lied, eine Liebeserklärung an uns alle. Vor allem wird oft getanzt in den Texten von AMK. Nicht aus rein hedonistischen Beweggründen, so, als sei alles nur gut, sondern weil das Tanzen den Figuren ihrer Lieder für einen Augenblick erlaubt, der eigenen Unsicherheit zu entkommen. Die Dreißigtausend singen zusammen mit May „Und du wirst 24, 25, 26 / Und du tanzt nicht mehr wie früher“.

Ganz nah geht das. Nicht nur den Kölnern. Gesellschaftskritisch wird’s auch mal kurz, als der mittlerweile 34-Jährige über TikTok herzieht: „TikTok ist nicht das wahre Leben! Wenn ihr Musik machen wollt, geht raus!“ Die sanfte Schwermütigkeit ist die Stärke der drei Kölner, das muss man so klar benennen. Ob sie wohl als Schüler des Kölner Schiller-Gymnasiums eine AG mit dem Titel „Melancholie“ besucht und mit Bestbewertung bestanden haben? Man weiß es nicht. Ihre Nummer „Ozean“ und die Verse „Ich will ein Meer zwischen mir und meiner Vergangenheit / Ein Meer zwischen mir und allem, was war“ jedoch wäre ein guter Grund, es zumindest zu vermuten. Das Stadion liegt sich in den Armen. Was noch kommt: „Ich geh heut nicht mehr tanzen“ – ne, natürlich nicht nach so einem Konzert! -, „Tommi“ – „Da, wo mer zosamme groß jeworde sin, da / Ziehen mer alle irgendwann wieder hin“; das schafft keine andere Band im Kölner Stadion, so viele Tränen in so kurzer Zeit zu produzieren -, und natürlich, Trommelwirbel, „Ausgehen“: „Würdest du heute mit mir ausgehen?“ Immer wieder gerne, AnnenMayKantereit.   

 

Info

AnnenMayKantereit gehören zu den wenigen deutschen Bands ihrer Generation, die den Sprung vom Straßenmusiker zum Stadion-Act geschafft haben, ohne ihre Identität grundlegend zu verändern. Kennengelernt haben sich Henning May, Christopher Annen und Severin Kantereit auf dem Schiller-Gymnasium in Köln. Erste Aufmerksamkeit erlangten sie mit Auftritten in der Fußgängerzone und selbst produzierten Videos im Internet. Der eigentliche Durchbruch folgte 2015 mit dem Album Alles nix Konkretes und Liedern wie „Oft gefragt“, „Barfuß am Klavier“ oder später „Pocahontas“.Entscheidend für ihren Erfolg ist bis heute eine ungewöhnliche Mischung: Folk, Rock und Liedermachertradition treffen auf Texte, die Alltagsbeobachtungen oft präziser beschreiben als große Dramen. Dazu kommt Henning Mays markante Reibeisenstimme, die anfangs ebenso häufig irritierte wie begeisterte und längst zu den unverwechselbarsten Stimmen der deutschen Popmusik zählt. Obwohl AnnenMayKantereit inzwischen zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Bands gehören, haben sie sich dem üblichen Popstar-Inszenierung weitgehend entzogen. Sie veröffentlichen vergleichsweise selten neue Musik, treten nur ausgewählt live auf und wirken bis heute eher wie drei Musiker, die zufällig sehr erfolgreich geworden sind. Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis ihres anhaltenden Erfolgs: Während viele Bands versuchen, größer zu werden als ihre Lieder, stellen AnnenMayKantereit ihre Songs bis heute konsequent in den Mittelpunkt.


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