Die Toten Hosen zu Gast in Köln: „Eigentlich lieben wir Euch!”

Köln (kle) Eine Reise über 50 Kilometer und vier Jahrzehnte durch die musikalische Hassliebe zwischen Köln und Düsseldorf.

Ein Song kommt, wann er es will. Heute ist es „I Am a River“ von den Foo Fighters. Das Stück steht am Ende von „Sonic Highways“, jenem Album, für das Dave Grohl und seine Band 2014 durch acht amerikanische Städte reisten, um deren musikalischen Spuren zu folgen. „I Am a River“ entstand in New York. Grohl erzählte damals von einem unterirdischen Fluss, den er auf alten Karten Manhattans entdeckt hatte. Ein Gewässer, das längst aus dem Stadtbild verschwunden ist und doch noch immer unter Straßen, Häusern und U-Bahn-Schächten fließt. Unter allem, was Menschen errichten, ziehen sich Verbindungen hindurch, die man nicht unbedingt sieht.

Flüsse verbinden. Flüsse können aber auch trennen. Zumindest in den Köpfen. Der Rhein kann das ziemlich gut.

Mai 2016. Adele steht in der Kölner Lanxess-Arena auf der Bühne, als sie ein zehnjähriges Mädchen aus dem Publikum zu sich holt. Alia heißt sie. Adele fragt, woher sie kommt. „Düsseldorf“, antwortet das Kind. Teile des Kölner Publikums beginnen zu buhen. Adele schaut irritiert. Was kann ein zehnjähriges Mädchen dafür, aus Düsseldorf zu kommen? Sie nimmt Alia in Schutz. Für einen Moment schaut eine der größten Sängerinnen der Welt von außen auf ein Regelwerk, das im Saal fast jeder kennt. Köln und Düsseldorf. Man muss hier nicht viel erklären.

40 Kilometer können im Rheinland eine erstaunlich große Entfernung sein.

Zehn Jahre später. 17. Juli 2026.

Anja und Angela sitzen auf einer Bank vor dem RheinEnergie-Stadion und sehen glücklich aus. Beide sind Anfang siebzig, beide tragen T-Shirts der Toten Hosen, beide sind aus Düsseldorf nach Köln gekommen. Während wir ein paar Worte wechseln, liegt dieses beinahe weise Lächeln auf ihren Gesichtern. Immer wieder schauen sie dabei liebevoll zu dem zehnjährigen Jungen neben mir. Rund um sie ziehen Menschen in schwarzen Hosen-Shirts Richtung Stadion, trinken Kölsch, suchen Freunde, warten auf Einlass. Niemand scheint sich daran zu stören, dass an diesem Abend eine der berühmtesten Düsseldorfer Bands ausgerechnet im Fußballtempel des 1. FC Köln spielt. Zwei Abende hintereinander sogar.

Später wird Campino auf der Bühne sagen: „Obwohl es nur 50 Kilometer bis nach Hause sind, war es doch ein langer Weg bis nach Köln.“ 50 Kilometer. Wie lang waren die eigentlich?

Die einfache Antwort beginnt im Jahr 1288. Schlacht von Worringen. Köln gegen Düsseldorf. Erbfeindschaft. Fertig. So wird die Geschichte gerne erzählt, und wie bei vielen guten Geschichten stört es ein wenig, dass sie nicht stimmt. Düsseldorf und Köln standen sich bei Worringen keineswegs einfach als zwei verfeindete Städte gegenüber. Die jahrhundertelange rheinische Antipathie lässt sich ohnehin kaum auf einen einzigen historischen Urknall zurückführen. Wirtschaftliche Konkurrenz, Rheinschifffahrt, Industrialisierung und schließlich Düsseldorfs Aufstieg zur Landeshauptstadt haben kräftig daran mitgeschrieben. Den Rest erledigte das Rheinland selbst. Hier lässt sich aus erstaunlich kleinen Unterschieden zuverlässig Identität herstellen. Alt oder Kölsch. Helau oder Alaaf. Fortuna oder FC. DEG oder Haie. Man definiert, wer man ist, indem man ziemlich genau weiß, wer man auf keinen Fall sein möchte. Und man hält dieses Wissen mit erstaunlicher Hingabe am Leben.

Zurück ins RheinEnergie-Stadion.

Frieder Feldmann trägt an diesem Julitag ein rotes Eishockeytrikot.

Das allein wäre in Köln noch kein besonderer Vorgang. Auf seinem Rücken allerdings steht in riesigen Buchstaben: DÜSSELDORF. Vorne prangt der Totenkopf der Düsseldorfer EG. Hinter Feldmann erhebt sich das RheinEnergie-Stadion. Mehr Düsseldorf vor mehr Köln geht kaum. Feldmann steht da, plaudert, lacht. Erst später stellt sich heraus, dass der Mann nicht irgendein DEG-Anhänger ist. Er ist der Pressesprecher des Vereins. Man könnte sein Trikot als Provokation lesen. Doch niemand pöbelt ihn an, niemand will ihn aus Müngersdorf vertreiben. Im Gegenteil: Das Zeichen funktioniert nur, weil alle verstehen, was es bedeutet. Feldmann versteckt Düsseldorf nicht. Er muss es geradezu zeigen. Die Grenze muss sichtbar bleiben, damit man sie gemeinsam überschreiten kann.

Das lässt sich besonders gut hören.

Düsseldorf erfand Sounds. Köln erzählte sich selbst. Das klingt schön. Es stimmt nur nicht ganz. Tatsächlich lässt sich die Düsseldorfer Musikgeschichte wunderbar als Geschichte des Aufbruchs erzählen. Kraftwerk machten aus Maschinen Popmusik und wurden damit zu einer der einflussreichsten Bands der Welt. NEU! trieben den Krautrock mit ihrem stoischen Motorik-Beat voran. DAF ließen Elektronik und Punk aufeinanderprallen, Fehlfarben brachten die nervöse Energie der späten Siebziger und frühen Achtziger in deutsche Songs. Im Ratinger Hof trafen Kunststudenten, Musiker und Punks aufeinander. ZK, die Vorgängerband der Toten Hosen, gehörte dazu. Für die Hosen war der Hof später „Wohnzimmer“, für die Düsseldorfer Punkbewegung eine ihrer Keimzellen.

Und Köln? Köln singt von sich selbst. Die Bläck Fööss machten aus kölscher Sprache Popkultur, BAP übersetzte Rockmusik in Dialekt, später schrieben Bands wie Brings oder Kasalla diesen Soundtrack fort. Kaum eine deutsche Großstadt hat sich selbst derart ausgiebig besungen. Nur: Auch das ist zu schön, um wahr zu sein. Denn Köln war gleichzeitig die Stadt Karlheinz Stockhausens, eines der Zentren elektronischer und avantgardistischer Musik. Can fanden hier zusammen und wurden zu einer der international einflussreichsten deutschen Bands überhaupt. In Kellern, Clubs und besetzten Häusern entstanden Punk, New Wave, freie Improvisation und experimentelle Musik. Düsseldorf wiederum bestand nie nur aus kühler Elektronik und Kunstakademie. Auch dort wurde geschwitzt, gesungen, gesoffen und die eigene Stadt bespielt.

Schon der Versuch, beide Musikstädte sauber voneinander zu unterscheiden, führt also mitten in die Falle. Düsseldorf hier, Köln dort. Maschine gegen Gefühl. Zukunft gegen Tradition. Kunst gegen Karneval. Schöne Gegensätze. Nur halten sie der Wirklichkeit nicht lange stand. Vielleicht waren auch diese 50 Kilometer musikalisch immer kürzer, als beide Städte behaupteten.

In Düsseldorf gab es den Ratinger Hof. In Köln das Stollwerck. 1980 wurde die ehemalige Schokoladenfabrik im Severinsviertel besetzt und anschließend für sieben Jahre zu einem selbstverwalteten Kulturzentrum. Bands spielten, Künstler arbeiteten, Szenen mischten sich. Dunkelziffer wurde zu einer Art Hausband.

Und irgendwann tauchten dort auch die Toten Hosen auf.

Campino erinnert sich beim Kölner Stadionkonzert an diese frühen Ausflüge. Damals, erzählt er, habe die Band noch so wenige eigene Stücke gehabt, dass sie ihr Set im Stollwerck einfach zweimal gespielt habe. Beim zweiten Durchgang seien kaum noch Leute dagewesen. Erinnerungen eines Frontmanns, fast vier Jahrzehnte später erzählt, sind keine Konzertchronik. Sicher dokumentiert ist aber ein Hosen-Auftritt im Stollwerck am 20. Oktober 1985 vor rund 500 Menschen. Die Düsseldorfer waren also längst in Köln, als die große Erzählung von den gegensätzlichen Musikstädten noch wunderbar funktionierte. Und sie waren nicht allein.

Wolfgang Niedecken und Campino stehen für zwei Bands, die auf den ersten Blick kaum besser in die jeweiligen Stadtbilder passen könnten. Hier BAP, Kölsch, Dylan, die Stadt und ihre Geschichten. Dort die Toten Hosen, Düsseldorf, Punk, Fortuna, Ratinger Hof. Doch auch diese Grenze wird unscharf, sobald man genauer hinschaut. Die Musiker begegnen sich seit Jahrzehnten. Als Niedecken 2012 mit dem Echo für sein Lebenswerk ausgezeichnet wird, hält Campino die Laudatio. Vierzehn Jahre später steht Campino im Kölner Stadion und ruft: „Wir brauchen euch, ihr braucht uns. Wir brauchen uns – Rheinland. Zusammen sind wir unschlagbar.“ Einen Abend später kommt Niedecken selbst auf die Bühne. Gemeinsam spielen sie „Kristallnaach“. Vielleicht ist das die eigentlich interessante Geschichte: Während Köln und Düsseldorf ihre Unterschiede pflegten, waren ihre Musiker längst über den Rhein gefahren.

Am 17. Juli 2026 braucht Campino diese alte Grenze trotzdem noch. Die Toten Hosen spielen „Auswärtsspiel“, und das RheinEnergie-Stadion wird zum Fahnenmeer. Rot und Weiß überall. Rund 40.000 Menschen singen einen Song, der davon handelt, sich in fremdes Terrain zu wagen. Nur: Wie fremd ist dieses Terrain noch?

Campino arbeitet sich genüsslich an Köln ab. Am Dom natürlich. An Leverkusen. An all den kleinen Markierungen, mit denen sich die rheinische Geografie zuverlässig zum Kochen bringen lässt. Das Publikum versteht das Spiel und spielt mit. Buhrufe sind hier keine Kriegserklärung. Sie gehören zur Choreografie. Genau wie das Düsseldorfer DEG-Trikot vor dem Stadion. Genau wie das Kölsch in der Hand eines Hosen-Fans. Campino baut die Grenze auf, damit 40.000 Menschen erleben können, wie wenig sie an diesem Abend trennt. Und irgendwann sagt er: „Eigentlich lieben wir euch.“

Eigentlich.

Vielleicht steckt in diesem einen Wort die ganze Geschichte. Man kann sich lieben, solange man nicht aufhört, so zu tun, als gäbe es dafür gute Gründe dagegen. Köln braucht Düsseldorf als Gegenbild. Düsseldorf Köln vermutlich ebenso. Die Rivalität ist nicht verschwunden. Sie hat nur ihren Aggregatzustand verändert. Aus Abgrenzung wurde Ritual, aus Konkurrenz kulturelles Spiel, aus der Grenze eine Bühne.

Und irgendwo in diesem Stadion steht ein Junge und schaut zu den Toten Hosen hinunter. Zehn Jahre ist er alt. Geboren wurde er in Düsseldorf. Heute ist er Fan des 1. FC Köln.

Der Junge ist mein Sohn Joschua.

Vor ihm spielen Die Toten Hosen „Auswärtsspiel“. Um ihn herum singen 40.000 Menschen mit. Ein Song kommt, wann er es will. „I Am a River.“


Erschienen in der Stadtrevue

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