Jazz-Schmiede: „Für Jazz wollten wir nicht immer nach Köln fahren“

Düsseldorf (kle)

Interview mit Peter Weiss (Gründer), Peter Baumgärtner (1. Vorsitzender & künstl. Leiter) und Lars Wallat (Geschäftsführung) am 28.08.2025

Seit 30 Jahren ist die Düsseldorfer Jazz-Schmiede ein Herzstück der lokalen Musikszene. Gegründet mit der Vision, Jazzmusik in der Stadt zu fördern und jungen Musiker:innen eine Bühne zu bieten, hat sich das Haus längst über die Grenzen der Szene hinaus etabliert. Mit über 110 Konzerten pro Spielzeit und einem vielseitigen Programm, das sowohl Nachwuchstalente als auch etablierte Künstler:innen präsentiert, ist die Jazz-Schmiede heute ein kultureller Treffpunkt für ein breites Publikum. Anlässlich des Jubiläums spricht der Vorstand der Jazz-Schmiede - Peter Weiss (Gründer), Peter Baumgärtner (1. Vorsitzender & künstl. Leiter) und Lars Wallat (Geschäftsführung) - über die Herausforderungen der vergangenen drei Jahrzehnte, den Wandel und die damit verbundenen Probleme und Problemchen der Jazzlandschaft und über seine Visionen für die Zukunft dieses einzigartigen Hauses.

Welche ist ihre Lieblingsplatte?

LW: „In a Silent Way“ von Miles Davis. Wenn ich jetzt eine Platte mit auf eine Insel nehmen könnte, wäre es die. Zu dem Album komme ich immer wieder zurück, weil sie für mich einen so unglaublich schönen Gesamt-Vibe besitzt.

PW: Bei mir geht es eher in Richtung Deep-Jazz. Wobei ich auch sehr gerne „Native Dancer“ von Wayne Shorter höre. Aber meine favorisierte Platte ist „Unity“ von Larry Young. Art Blakey hat mich als Jugendlicher durch die Wand gedrückt.

PB: „A Love Supreme“ von John Coltrane ist bei mir ganz weit vorne. Als 14-Jähriger habe ich mit einem Stück Marmorkuchen und einem Glas Milch das legendäre ZDF-Sonntagskonzert gesehen. Da erlebte ich zum ersten Mal das Mahavishnu Orchester mit ihrem Album „Birds of Fire“. Ich habe nichts verstanden. Aber: Ich fand es großartig.  

Könnte die Jazz-Schmiede sprechen, was würde sie an ihrem 30. Geburtstag sagen?

PW: The music speaks for itself.

PB: Fighting for Jazz. Oder um es mit Adam Nussbaums Worten zu sagen: „Es ist immer eine Freude, in der Jazz-Schmiede zu spielen. Die Stimmung ist toll und die Leute sind wunderbar. Danke, dass ihr dazu beitragt, den Jazz am Leben zu erhalten!“

LW: Besser hätte ich (die Jazz-Schmiede) es nicht treffen können.

Bitte führen sie folgende Sätze spontan weiter:

a. Jazz ist ein Auslaufmodell, behaupten viele…

PB: …und sie liegen damit völlig falsch. Jazz ist hip. Jazz ist die Welt. Jazz is it.

b. Erst liest mein Opa Schopenhauer, danach raucht er auf seiner Terrasse Pfeife. Später legt er die Platte „The Shape of Jazz to Come" von Ornette Coleman auf…

PW: … „Shape of Jazz to Come“ ist nicht das Problem in dieser Situation, sondern vielmehr das hier geschilderte Klischee und die mit ihm einhergehende Kategorisierung. Ich kann mit so einer pseudo-intellektuellen Nummer nicht viel anfangen. 

c. Junge Menschen sind doch für Jazz überhaupt nicht mehr zu begeistern…

LW: … stimmt absolut nicht. Hättest du mich das vor zehn Jahren gefragt, dann hätte ich vielleicht noch stärker mit meiner Antwort gezögert. Seit Corona erlebe ich ein Wieder-Aufblühen des Jazz in der jüngeren Generation.

Was hat Corona damit zu tun, was glauben sie?

LW: Ich glaube, während der Covid-Zeit haben viele den Jazz (wieder) neu für sich entdeckt, weil es eine Zeit des In-Sich-Kehrens gewesen ist. Und dafür eignete sich Jazz sehr gut. Auch wenn Live-Konzerte natürlich das Anti-Lockdown-Programm darstellen. Seit Corona hat sich unsere Gesamt-Publikumsstruktur wirklich extrem verjüngt. Und: Bunter ist sie geworden.

PW: Aber in diesem Kontext möchte ich auch kurz eine Lanze für unser Stammpublikum brechen. Das hat eine hohe Qualität. Die Zuschauer sind ruhig, diszipliniert, hören aufmerksam zu und sind neugierig. Mit dem Alter hat das dann weniger zu tun. Außerdem kannst du junges Publikum nicht mit dem Holzhammer erreichen. Sondern nur mit Ehrlichkeit. Wir lassen hier recht oft junge Studenten spielen. Unser vielseitiger Input ist uns wichtig.       

30 Jahre Jazz-Schmiede: Hat sich der Aufwand gelohnt?

PW: Natürlich. Der hat sich sehr gelohnt. Das ist einer der schönsten Läden, den wir in Deutschland haben: Er klingt hervorragend und wir sind gut ausgestattet. Und im Vergleich zu anderen Läden haben wir noch nicht zugemacht. Vor allem haben uns die letzten 30 Jahre als Gruppe ganz schön zusammengeschweißt. Wobei man schon sagen muss, dass es ein ewiges Kämpfen ums Geld mit dem Kulturamt war. Ich wollte die Jazz-Schmiede zwischendurch auch mal schließen.

Warum denn das?

PW: Damals haben wir viel Benefiz gespielt, wir baten die Musiker, doch nicht allzu viel Gage von uns zu verlangen. Grosse-Brockhoff war damals Kulturdezernent und wir mussten unseren Zuschuss immer kompliziert beantragen. Einmal dann habe ich ihm einen Brief geschrieben und ihm darin die Frage gestellt, ob er eine Jazz-Klitsche oder einen professionellen Jazzclub in Düsseldorf haben wolle. Es hat ein bisschen gedauert, bis er antwortete, aber danach waren diese Antrags-Arien vorbei.   

Woher kommt und kam ihr innerer Antrieb, die Schmiede zu führen?

PW: Weil ich stets ihre Notwendigkeit für Düsseldorf gesehen habe. Früher gab es hier nichts Vergleichbares in der Stadt. Okay, es gab das Downtown, in dem ich wahnsinnig viel gelernt habe. Wenn nur wenige Meter von dir entfernt Louis Hayes sitzt, und in der nächsten Nacht Elvin oder Blakey, dann macht das etwas mit dir, dann wirkt das auf dich. Irgendwann hat es mich einfach gefuchst, dass Düsseldorf in diesem Bereich nichts mehr zu bieten hatte. Ich finde Jazzclubs großartig und liebe es, Jazz zu hören und selbst zu spielen. Der Mensch ist nur Mensch, wenn er spielt. Mit der Jazz-Schmiede konnte und kann ich mich (auch spielerisch!) selbstverwirklichen.

LW: Rational begründen kann ich mein langjähriges Engagement für die Schmiede eigentlich nicht. Aus der Perspektive macht es überhaupt keinen Sinn, denn für das gleiche Geld könnte ich ganz entspannt von zuhause mit einem nine to five-Job arbeiten. Aber die Arbeit hier erfüllt mich einfach.

Warum hätte Düsseldorf ohne die Jazz-Schmiede wirklich etwas Entscheidendes verpasst?

PW: Weil diese kulturelle Facette des Jazz unabdingbar ist für eine Stadt, die von sich behauptet weltoffen zu sein und sich faktisch für viel Kultur einsetzt: für die Oper, das Schauspielhaus, das Ballett, die Museumslandschaft, um nur einige Institutionen zu nennen. Aber die Farbe des Jazz sah demgegenüber hier doch manchmal ziemlich blass aus. Ihr wollten wir einen Düsseldorfer Anstrich verpassen. Und stattdessen nicht immer nach Köln fahren.

Welche Farbe hat denn Jazz?

PW: Blau ist zu kalt, rot ist zu schreiend. Aber grundsätzlich können das eher andere beurteilen. Am besten unsere Besucher, die sich nicht ganz so professionell mit dem Jazz beschäftigen. Wir sehen die Farbe vor lauter Jazz nicht.

Die Jazz-Schmiede, ein Liebhaberprojekt?

LW: Das klingt für mich ein bisschen zu unprofessionell. Dafür liefern wir mit der Schmiede eine zu wichtige und stabile Infrastruktur. Wir schließen nicht nur einfach samstags den Laden auf und stellen ein Mikrofon auf die Bühne. Das ist schon mehr. Aber ja, am Ende mache ich das ganze aus Liebe zum Jazz.

Gibt es ein Konzert, von dem Sie sagen würden: Das werde ich nie vergessen.

LW: Aus der jüngeren Vergangenheit auf jeden Fall Jonas Burgwinkel mit seinem Trio Deadeye. Die haben hier die Hütte abgebrannt. Hiram Bullock, der hier zusammen mit der WDR-Big Band spielte, das war auch so ein Moment, den ich nie vergessen werde. Und natürlich ebenfalls unvergessen: Die isländischen Krautjazzer von ADHD. Mit Pablo Held würde ich sogar 24 Stunden eingeschlossen in der Schmiede verbringen.

PB: Steve Gadd hier erleben zu können, war für mich bisher eines der Highlights der letzten 30 Jahre. Das war unfassbar für mich. Jeff Hamilton folgt direkt dahinter.

PW: Tierney Sutton. Was für eine Sängerin.

Wie sehen Sie die Jazz-Schmiede in 10 Jahren: weiterhin relevant oder ein nostalgisches Relikt?

Alle drei lachen herzlich. Dann plötzlich Stille.

PB: Es wird härter.

PW: Ich gehe bald von Bord. Und das ist ja auch gut so. Daher sollten wir uns auf jeden Fall verjüngen.

Haben Sie als Ihren Nachfolger jemand Bestimmten im Blick?

PW: Das werde ich hier so konkret nicht beantworten. Es gibt viele junge und talentierte Musiker, die die Schmiede führen könnten. Aber das sind zum Teil auch Leute, die von ihrem Glück noch gar nichts wissen.

Ich bedanke mich für das Interview.


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