Amy Macdonald – so authentisch und nahbar war das Konzert
Köln (kle) Ach, du schönes Schottland. Scotch Whisky, Braveheart, die Highlands, Loch Ness, das Scottish Blackface (Schafrasse) gehören genauso zu den Best of-Blitzgedanken wie die Singer-Songwriterin Amy Macdonald. „Wer?“ fragt an dieser Stelle wahrscheinlich niemand, ist doch jeder schonmal – früher oder später – beim Radiosender-Durchlauf an Songs wie „This Is the Life“ oder „Mr Rock & Roll“ hängengeblieben. Höchstwahrscheinlich.
Nun legte die schottische Ausnahme-Sängerin gestern Abend den letzten Stopp ihrer aktuellen Tour im Kölner Palladium ein. Dass einige der etwa 4000 Fans schon von Anbeginn ihrer musikalischen Karriere mit dabei gewesen waren, wen wundert’s. „Als ich Amy zum ersten Mal im Radio hörte, musste ich weinen“, erzählt eine Frau am Merchandise-Stand ihrer mutmaßlichen Freundin. Ihr Little Kilt sieht sympathisch-blass verwaschen aus. Der hat bestimmt schon so einiges erlebt.
Als der Superstar aus Bishopbriggs schließlich um Punkt acht (wirklich!) zusammen mit Bandbegleitung die Bühne betritt, sich lässig seine Akustik-Gitarre umwirft und direkt mit „Is This What You’ve Been Waiting For?“ loslegt, fliegen ein paar Luftballons in Herzform im Publikum umher. Das ist schön anzuschauen und eine tolle Begrüßung. Währenddessen singt Macdonald „I'm so far from home / I've been out here a long time“ und kurze Zeit später schon „Walking along the Hudson, singing you my love song“. Die Band gibt Gas, eilig scheint sie es zu haben, viele Konzertbesucher „walken“ zu diesem Zeitpunkt leider noch nicht emotional auf dem Hudson, vielmehr stolpern sie gerade erst (ziemlich gestresst und gehetzt) in die Konzerthalle herein. Macdonald spürt das irgendwie, fasst sich ein Herz und drosselt das Tempo der Show. „Willkommen Köln“, raunt sie auf Deutsch ins Mikrofon, und weiter auf Englisch: „This is already the 28th concert of my tour, but it still feels so good to be here.“ Ihr schottischer Akzent klingt dabei ein bisschen wie Schwyzer-Englisch. Ach, du schönes Schottisch. Dann klettert sie kurzerhand herunter in den Bühnengraben und schenkt einem Fan eines ihrer Gitarren-Plektren. Diesen Akt der Freundlichkeit feiern die Zuschauer ab. Genauso wie auch „Mr Rock & Roll“. Na klar.
Unter anderem mit diesem Hit wurde Macdonald über Nacht zum Weltstar. Dabei wollte sie eigentlich Sozialwissenschaften studieren. Dann kaufte sie sich mit zwölf Jahren „The Man Who“ von Travis, und alles war gelaufen. Statt Hörsaal gab’s Gitarre, statt Karriereplan erste eigene Songs. Mit 15 stand sie allein auf der Bühne. Nach Welttourneen, Orchesterausflügen, einer pandemiebedingten Vollbremsung und einer kreativen Selbstvergewisserung meldete sich Macdonald schließlich 2025 mit „Is This What You’ve Been Waiting For?“ zurück.
Sie wirkt so wahnsinnig nahbar, als sie zusammen mit einem weiblichen Fan die Nummer „Pride“ singt. Der leichtfüßige Beat, der tendenziell an einen traditionell-schottischen Jig-Rhythmus erinnern kann, und die Slide-Blues-Gitarre vereinen sich zu einer Art amerikanischem Country- und schottischem Folk-Song. Grüße von den Highlands nach Montana und zurück. Befremdlich in diesem eindrucksvollen Moment: Ein paar Fans, die in zweiter Reihe der seitlichen Zuschauer-Balkonbrüstung stehen, streiten sich wortgewaltig und sichtlich erregt um die bessere Sicht. Macdonald dagegen wirkt friedvoll, völlig in sich gekehrt und doch so aufmerksam gegenüber ihren Fans. Denn: Plötzlich unterbricht sie „Can You Hear Me?“, weil ein Besucher vor der Bühne rettungsdienstliche Erstversorgung benötigt. Plötzlich wird es ganz still in der Halle. Hätte Authentizität im Musikbusiness ein Gesicht, es könnte gut und gerne das von Amy Macdonald sein. Sowohl im musikalischen wie auch im menschlichen Sinne. Ein paar Minuten später wird das Konzert fortgesetzt. Und dann das: Eine Mutter tanzt zusammen mit ihrer Tochter Arm in Arm zu „This Is The Life“. Ein schöneres Abschlussbild könnte es nicht geben. Gute Heimreise nach Schottland, Amy Macdonald.