Sean Paul bringt Hits, bis sich die Balken biegen

Köln (kle) Kaum vorstellbar: Eigentlich war Sean Pauls Zukunft zunächst sportlich geplant, war er doch ein talentierter Schwimmer und Wasserballspieler und sogar Teil der jamaikanischen Jugendnationalmannschaft. Aber ein Keyboard, das er mit 15 von seiner Mutter bekam, lenkte den mittlerweile 53-jährigen jamaikanischen Dancehall-Star in Richtung Musik. Und gestern Abend, wenn man so will, im Rahmen seiner „Timeless“-Tour auf die Bühne der nicht ganz ausverkauften Kölner Lanxess-Arena.

Sodann hämmern die Bässe von „So Fine“ einem um kurz nach neun einen Pfahl durch den Solarplexus, Sean Paul springt in einem Tekken-Style- Sportdress auf die Bühne, seine Goldkette mit dem Schriftzug „Dutty“ (schmutzig) baumelt dabei lässig zu den Riddims hin und her. Pauls Sprechgesang ist zu diesem Zeitpunkt nicht gut zu hören. Egal. Die rund 11.000 Fans des Wunderkindes vom karibischen Inselstaat schwingen ihre Hüften, als seien das hier und jetzt die Vorentscheide für die Dancehall Queen Competitions. Nur die beiden Tänzerinnen vorne neben unserem Hauptprotagonisten – deren neongrüne Netz-Bodies à la Arielle, die Meerjungfrau sich samt Knieschonern (!) eng um ihre Oberkörper schmiegen – twerken noch ein wenig energetischer zu „Get Busy“ und „Ever Blazing“. Die Balken, sie biegen sich, könnte man meinen. Und Paul selbst? Der wirft seine weiße Bomberjacke hinter die Turntables, greift stattdessen zu einem weißen Handtuch und wischt sich erst einmal den Schweiß von der Stirn. Björn Borg hätte das nicht schöner zelebrieren können.

Luft zum Durchatmen: Fehlanzeige. Sean Paul Ryan Francis Henriques haut in diesen ersten dreißig Minuten einen Hit nach dem anderen raus. Songs wie „Baby Boy“, „Bailando“ oder „Make It Clap“ wackeln die Arena in Ekstase. Der „Copper Color Chinese Bwoy“, wie er sich selbst in seiner Jugend nannte, weil er wegen seines Aussehens oft gehänselt wurde - sein Vater ist portugiesischer Herkunft, seine Mutter hat afrikanische und chinesische Vorfahren -, spielt bei den immer wiederkehrenden Ragga-Elementen mit seiner Gestik: Den hüpfenden Doggy-Style zusammen mit einer Tänzerin mag er besonders gerne. Die Elftausend kreischen und wollen mehr davon. „Gib’s ihr!“, schreit ein Fan. Wie oft Paul und seine rappenden Mitstreiter „Hey, sexy girls!“ oder „sexy ladies are in the house!“ orchestriert in ihre Mikrofone rufen: Irgendwann hört man auf es zu zählen. Nichts Neues, alter Käse sozusagen, die durch die Show transportierte Rollenverteilung ist klar. Der Mann gibt den Ton an, die Frau tanzt, nein, sie hat zu tanzen und ihr Haar inbrünstig zu schütteln. Reis gibt es allerdings heute Nacht dazu nicht, Baby. Und auf der Leinwand hinter den Turntables, da drehen allerlei heiße Reifen verschiedenster schicker Vehikel vollends durch, zwischendurch ein paar stattliche Villen, Geld bis zum Abwinken, und: freizügig bekleidete Frauen. Vorgestern war Weltfrauentag. Hipp Hipp Hurra. Dass bei all dem die Texte des Grammy-Gewinners (den bekam Paul 2003 für das beste Reggae-Album „Dutty Rock“) nicht gerade vor undurchdringlicher Komplexität und wohlfeiler Dichtkunst sprühen – „Hot girls outta road dat seh dem see mi see mi / And a tell mi seh dem have somethin fi gimme gimme“ -, sei’s drum. Aber sie besitzen etwas von einer süßen Amsel im Nest: Sie nisten sich ein. Mit ihren Melodien. In ihre eigenen Beats und in die Gehörgänge und Hippocampi ihrer Fans.

Was sonst noch so passierte: Noch mehr Bässe, noch mehr Doggy-Style-Twerk, noch mehr besungene sexy Ladies. Fazit: Schweißtreibender Dancehall-Hit-Schnelldurchlauf in 90 Minuten mit erhöhtem Selbstparodie-Potenzial. Oder um es mit Sean Pauls eigenen Worten zu sagen: „No, man, me nah retire ’til me dead like a tire.“ („Nein, Mann, ich höre erst auf, wenn ich tot bin, wie ein Reifen.“ / People 2024).


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