Xavier Naidoo als selbstbewusster Prediger vor 16.000 Fans in Köln

WAZ

Köln (kle) Eine kleine Einführung: „Geschmäckle" (oder „Gschmäckle") ist ein süddeutscher Ausdruck, der einen zweifelhaften, leicht anrüchigen oder moralisch fragwürdigen Beigeschmack beschreibt, der über den reinen Geschmack hinausgeht und auf unlautere oder verdächtige Machenschaften hindeutet. Was aber hat das mit dem deutschen Soul- und R&B-Sänger, Komponisten und Musikproduzenten Xavier Naidoo zu tun? Ganz einfach: Ab Mitte der 2010er-Jahre geriet Naidoo zunehmend in die Kritik: 2014 trat er bei einer Kundgebung aus dem Umfeld der sogenannten Reichsbürgerbewegung auf, in späteren Songtexten und öffentlichen Aussagen griff er wiederholt Motive auf, die als verschwörungsideologisch oder antisemitisch gelesen wurden. Während der Corona-Pandemie veröffentlichte Naidoo mehrere Videos, in denen er die Existenz der Covid-19-Pandemie infrage stellte, staatliche Maßnahmen delegitimierte und Narrative aus dem QAnon-Umfeld verbreitete. In der Folge zogen sich Medienpartner, Veranstalter und Institutionen weitgehend von ihm zurück.  Lange blieb es still um Naidoo, bis er im Sommer 2025 sein musikalisches Comeback ankündigte. Gestern Abend nun stand Naidoo in der ausverkauften Kölner Lanxess Arena auf der Bühne – mit dem Versprechen, „alle großen Hits“ zu spielen. Wurde es ein Konzert zwischen musikalischem Erbe, beschädigter Biografie und der offenen Frage, wie viel Vergangenheit an diesem Abend wohl mitschwingt? Eine Art Neologismus namens „Gänsehaut-Geschmäckle-Skala“ jedenfalls war während des fast zweistündigen Auftritts von Naidoo stets dabei. Irgendwie. Im Hinterkopf.

Jetzt aber: hinein ins Getümmel. Licht aus. Und wilder Jubel an. Bei den 16.000 Zuschauern scheinen sich lang verklemmte Schleusen des „Endlich-Rauslassen-Könnens“ zu öffnen. Es klingt wie auf einem Konzert von Miley Cyrus oder Ed Sheeran. Naidoo – mit Schiebermütze, Sonnenbrille und rot-schwarzem Baumfäller-Jäckchen - steht im Rampenlicht vor seiner Band, schmeißt sein Lachen wie ein I-Dötzchen mit voller Wucht in die Menge und singt „Bei meiner Seele, Köln (!), du bist herzergreifend liebevoll“. Dabei schlägt er mehrmals mit der rechten Faust auf seine Brust. Irgendwo darunter liegt sein Herz. Stolz sieht er aus. Entschlossen. Mutig.

„Wo wart ihr denn die ganzen Jahre?“, ruft er ins Mikro. Die individuellen Antworten der Sechzehntausend auf diese (hoffentlich nicht ernst gemeinte) Frage des gebürtigen Mannheimers verschmelzen zu einem kollektiven „Uahhh“. Schon jetzt kocht die Halle Choral – „Eins haben Feiglinge nie erkannt: Man kann wachsen und steigen mit Widerstand“ -, ein Ceranfeld und heiße Milch dagegen sind der letzte Scheiß.  Und die Gänsehaut-Geschmäckle-Skala, sie steigt auf eine gute 6-7. Aber solche Momente, irgendwo angesiedelt zwischen Staunen als Zaungast und Luft-Anhalten als Kritiker, ploppen in der nächsten Stunde immer wieder mal auf. Ob nun bei „20.000 Meilen“ oder bei „Was wir alleine nicht schaffen“. Naidoo zelebriert vor allem hier die letzten Verse des Refrains voller Inbrunst: „Nur wir müssen geduldig sein / Dann dauert es nicht mehr lang“. Was genau will er seinem Publikum damit sagen, fragt man sich? Oder bindet er uns allen hier nur einen Bären auf, weil Naidoo selbstverständlich weiß, wie die Medienwelt auf solche Inszenierungen vor diesem ohnehin aktuell sehr aufgeheizten gesellschafts-politischen Klima/Kontext zu reagieren imstande sein will, ja, sein muss? An dieser Stelle entschuldige ich mich für die 1. Person Singular, jedoch steigt meine Gänsehaut-Geschmäckle-Skala just in diesem Moment in schrille Herzklopfregionen. Horrorbilder. Gott sei Dank ist da auch noch die Zeile „Denn Erfolg mit Gewalt zu erzwingen wird ihnen nichts bringen und genau das sollten wir schnallen“. „Fuck Putin“ kommt dem 54-Jährigen allerdings im Verlaufe des Abends nicht über die Lippen. Schade, meinen beiden ukrainischen Schülern hätte das bestimmt gefallen.

Ein Show-Feuerwerk, das muss man konstatieren, ist das heute Abend nicht in der Lanxess-Arena. Da sind einzig die Fans, Naidoo und seine Lieder mit Textzeilen wie „Mut zur Veränderung / Wir ändern uns und ändern dich“, die er Gurulike – vollkommen überzeugt von dem, was er von sich gibt – in die Mitte der Arena schreit. Gänsehaut-Geschmäckle-Skala 10 Komma 0. Was sonst noch so geschieht: DJ Eliyah Davis, Tochter des kürzlich verstorbenen Produzenten Billy Davis – er war langjähriger Weggefährte Naidoos - und der Kölner Star-Perkussionist Rhani Krija geraten während der Bandvorstellung in den Fokus der Aufmerksamkeit. Applaus, denn: Die Band ist klasse! Mit „Der Fels“, spätestens jedoch mit „Wenn du es willst (Mir sind die Hände gebunden)“ verwandelt sich die Arena in einen (schein?-)sakralen Tempel multipler-kämpferischer Glaubens-Phrasen -  Oh, diese Kriege müssen enden, lass uns deinen Frieden sehn / und nimm das Blut von unseren Händen“ -, schließlich spricht Pfarrer, pardon, Gastgeber Naidoo einen Segen für alle: „Möge der Herr seine Hand über uns halten.“ Fazit: Versprechen eingehalten. „Alle großen Hits“ Naidoos hat‘s gegeben. In extrem betäubender Dosierung.        


Erschienen in der WAZ

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