Anastacia singt mit Düsseldorf den Hosen-Hit „Tage wie diese“
Düsseldorf (kle) Animalprint, kniehohe Lederstiefel, Schlagjeans, Piratenkopftücher, Cowboyhüte, Neonjacken. Dazu getönte Brillen, soweit das Auge reicht. Das Foyer der Mitsubishi Electric Halle sieht an diesem Abend ein bisschen so aus, als hätte jemand das Jahr 2002 noch einmal zur Party eingeladen. Passt ja. Denn Düsseldorf steckt ohnehin gerade tief im Y2K-Tunnel. Die Backstreet Boys sind in der Stadt omnipräsent, Nicole Scherzinger und ihre Pussycat Dolls haben erst am vergangenen Wochenende ihre Fans durchgeschüttelt. Jetzt also Anastacia mit ihrer „#NTK26“-Tour. Mehr Jahrtausendwende geht kaum.
Kurz vor neun drückt Eminems Sprechgesang „Will the real Slim Shady please stand up?“ durch die Boxen. Aber noch sitzen die rund 5000 Zuschauer brav auf ihren Stühlen. Manche mit Popcorn. Andere mit Eis. Dann: Licht aus. Band an. Hinten auf der Bühne geht eine Tür auf. Keine Falltür, kein Podest fährt aus dem Boden, niemand schwebt von der Hallendecke. Anastacia spaziert einfach herein und beginnt mit „One Day in Your Life“. Ihr goldenes Jackett funkelt, dazu enge Jeans und zehn Zentimeter hohe Plateau-Pumps. Kann man so machen. Und man merkt ziemlich schnell: Diese Frau muss hier niemandem mehr beweisen, dass sie ein Popstar ist. Bei „Paid My Dues“ zieht sie sich sogar zurück, schiebt ihre Musikerinnen und Musiker nach vorne und überlässt ihnen das Rampenlicht. Keine Tänzerkompanie wuselt herum, keine Videowand muss im Minutentakt erklären, was gerade gefühlt werden soll. Stattdessen: Band, Stimme, Songs. Da stehen Menschen auf einer Bühne und machen Musik. Verrücktes Konzept. Und ein ziemlich angenehmes. Das hat etwas Wohltuendes, fast Entschleunigendes.
Anastacias Stimme hilft natürlich. Dieses raue Ding zwischen Soul, Pop und Schmirgelpapier, das seit „I’m Outta Love“ praktisch keinen Personalausweis mehr braucht. Ein paar Sekunden reichen. Und man weiß, wer da singt. Bei „Sick and Tired“ hält es ohnehin immer weniger Menschen auf ihren Stühlen. Später stellt Anastacia ihre Band vor. Die beste überhaupt, findet sie. Also Beweisaufnahme: ein paar Takte „Smells Like Teen Spirit“. „Barbie Girl“. „I Like It Like That“. Die Halle spielt mit. Nirvana gewinnt erwartungsgemäß. Auf den Tribünen werden plötzlich Menschen zu Rockern, die zehn Minuten vorher noch sehr ordentlich ihr Eis gegessen haben. „Made for Lovin’ You“ erledigt den Rest. Tanzhandbremse: gelöst. Und weil es gerade so schön ist, folgt die nächste musikalische Wundertüte. Madonna. Montell Jordan. Backstreet Boys. Natürlich. An denen kommt man in Düsseldorf derzeit offenbar nicht vorbei. Vielleicht sollten sie einfach hierherziehen.
Und dann wird es seltsam. Sehr seltsam. Und sehr gut. Die Frau aus Chicago singt Die Toten Hosen. Ausgerechnet hier. Ausgerechnet diesen Song. „Tage wie diese“ bekam schon 2023 einen englischen Text verpasst und heißt „Best Days“. Anastacia singt ihre Version, und 5000 Düsseldorfer halten dagegen. Auf Deutsch. Und so laufen sodann zwei Texte gleichzeitig durch dieselbe Melodie. Anastacia vorne, die Halle dahinter. Eigentlich müsste das schiefgehen. Tut es aber nicht. Es ist einer dieser Momente, bei denen Konzertdramaturgie für ein paar Minuten keine Rolle mehr spielt. Düsseldorf singt seine Hymne, Anastacia ihre. Irgendwo dazwischen treffen sie sich. Ziemlich genial. Ziemlich Gänsehaut. „An Tagen wie diesen trifft“ auf „These are the best days“.
Was dann noch folgt. Erstens: Die Bühne wird kleiner. Anastacia erzählt von einem Menschen, den sie vor einiger Zeit unerwartet verloren habe. Von jetzt auf gleich. Man müsse den Menschen, die man liebe, sagen, dass man sie liebe. Nicht irgendwann. Jetzt.
Und dann singt sie „How Come the World Won’t Stop“. Musik pur. Proberaum pur. Anastacia pur. Zweitens: Aus dem angenehm unaufgeregten Soulpop-Abend wird streckenweise ein Rock-Cover-Festival. „All Right Now“ von Free, schließlich auch noch „Sweet Child o’ Mine“ von Guns N’ Roses. Anastacia trägt nun schwarze Fransen und fräst sich mit ihrer mächtigen Stimme durch die Klassiker. Kann sie. Keine Frage. Nur fragt man sich: Warum macht sie das? Traut Anastacia ihrem eigenen Song-Arsenal nicht zu, ein komplettes Konzert zu tragen? Natürlich kann es das. „Left Outside Alone“ liefert wenig später die Antwort. Die ersten Takte reichen. Die Fünftausend singen mit – „All my life I've been waiting / For you to bring a fairy tale my way“ -, Anastacia haut noch einmal alles raus. Und irgendwo zwischen den Sitzreihen fliegt das Popcorn durch die Luft. Kino? Papperlapapp. Das hier ist ein Konzert.