Pussycat Dolls in Düsseldorf: Hochleistungssportlerinnen in High Heels

WAZ

Düsseldorf (kle) 2009 wollte sie eigentlich nur eines: Nicole Scherzinger möglichst nah sein. Sie war damals schon bei einem Konzert der Pussycat Dolls, 17 Jahre ist das her. Jetzt steht sie im PSD Bank Dome und sagt: „Dieses Gefühl will ich heute noch einmal spüren.“ Sie muss warten. Dabei hat Lil’ Kim als Support vorher schon vorgemacht, wie man so einen Abend anzündet. Energetisch, laut, bestens aufgelegt. Danach: „Just Dance“ von Lady Gaga aus der Konserve. Irgendwann allerdings fangen die ersten der rund 6000 Fans zu pfeifen an. Weil sonst nichts passiert. Um viertel nach neun dann endlich geht es los. Und wie. Die Pussycat Dolls werden, jede für sich, aus einer erhöhten zweiten Bühne herauskatapultiert wie fleischgewordene Flipperkugeln. Nicole Scherzinger, Ashley Roberts und Kimberly Wyatt stecken in rosafarbenen, transparenten, kompliziert verknoteten Stoffgebilden und sehen ein bisschen aus wie drei Polyester-Flamingos. Dazu knallt „When I Grow Up“ aus den Boxen. „I wanna be famous“, singen die Drei.

Naja, wünschen müssen sie es sich jedenfalls nicht mehr. Waren Scherzinger, Roberts und Wyatt schließlich schon berühmt, als TikTok noch ein Geräusch von Uhren war. Ursprünglich 1995 von Choreografin Robin Antin als Burlesque-Ensemble gegründet, wurden sie zehn Jahre später zur Popgruppe. „Don’t Cha“, „Buttons“, „Stickwitu“: Welthits. Sechs Frauen gehörten zur bekanntesten Besetzung, Scherzinger sang den Großteil der Lead-Vocals. 2010 war Schluss, ein erster Comeback-Versuch scheiterte zehn Jahre später. Jetzt sind sie wieder da. Zu dritt. Dass drei reichen können, klären die ersten Minuten. Bei „Beep“ stolziert Scherzinger allein auf den Mittelsteg. „Hallo Düsseldorf!“, raunt sie ins Mikro. Mehr braucht es nicht. Das Gekreische nimmt Dimensionen an, bei denen man sich kurz Sorgen um die Statik des PSD Bank Domes machen könnte.

Und dann wird getanzt. Meine Güte, wird hier getanzt. Roberts und Wyatt sind auch mit Mitte 40 noch Hochleistungssportlerinnen in High Heels. Dazu kommen sechs Tänzerinnen und Tänzer, die diesen Abend mit einer solchen Wucht, Präzision und Energie vorantreiben, dass irgendwann kaum noch auszumachen ist, wo Choreografie aufhört und Akrobatik beginnt. Am Ende von „Bottle Pop“ ziehen eben diese Tänzer den drei Hauptprotagonistinnen auch noch die rosafarbenen Flamingo-Fetzen vom Leib. Darunter: nicht besonders viel. Hautfarbene und enganliegende Nylonsuits mit ein bisschen Glitter. Also: sehr viel Glitter. „I Don’t Need a Man“ schallt es durch die Arena. Die Botschaft ist angekommen. Die Halle kocht. Wenig später verschwinden die drei im Boden des Stegs. Zurück bleiben die Tänzer und drei rollbare Tische. Sie schlängeln sich darum, werfen sich darauf, machen die Möbel zu ihren Tanzpartnern. Dann kehren Scherzinger, Roberts und Wyatt zurück und werden auf den Tischen über die Bühne geschoben wie wildgewordene Patienten auf ihren OP-Liegen: Die einfachsten Ideen sind manchmal die besten.

Bis hierhin ist dieser Abend ein herrlich hemmungsloses Pop-Spektakel. Glitzer, Bass, Sex, Tanz, noch mehr Glitzer. Dazu ein Publikum, in dem auffallend viele Menschen aus der queeren Community feiern. Hier ist nichts peinlich, nichts zu viel und schon gar nichts ein guilty pleasure.

Dann trennen sich die Wege. Jede der drei Dolls bekommt einen Soloblock, eingeleitet von kleinen Backstage-Filmen. Wer bin ich heute? Was ist aus mir geworden? Kimberly Wyatt wird zur Queen of Eurodance, „I Don’t Care, I Love It!“. Ashley Roberts bekommt ihr eigenes Tanz- und Choreografie-Spektakel: „Woman’s Up“. Beeindruckend ist das. Dennoch: Hier ist etwas verloren gegangen. Ausgerechnet bei einer Reunion verbringt man plötzlich ziemlich viel Zeit damit zu zeigen, was die Beteiligten ohne diese Reunion machen können. Bis Nicole Scherzinger singt. Dann ist für ein paar Minuten sowieso alles andere egal. Hoch oben auf einer Hebebühne steht sie in einem langen, weißen, drapierten Gewand wie eine griechische Göttin und singt Andrew Lloyd Webbers „As If We Never Said Goodbye“. Große Geste, große Stimme, große Töne. Eurovision-Song-Contest-Gefühle machen sich breit. Zwölf Punkte für Scherzinger. Auch, weil sie später ihren Fans ganz nah kommt. Sie bleibt auf dem vorderen Bühnensteg, lässt sich Plakate reichen, unterschreibt sie, erzählt von schweren Jahren, von einer Zeit, in der sie, wie sie an diesem Abend sagt, sogar darüber nachgedacht habe, sich das Leben zu nehmen. Und davon, wie wichtig es sei, den eigenen Träumen zu folgen. Es sind ungewohnt persönliche Minuten in einer Show, die ansonsten wenig Interesse an leisen Zwischentönen hat.

Wobei leise ohnehin relativ ist. Scherzinger trägt inzwischen einen knappen roten Goa-Rock samt rotem Push-up BH. Und irgendwann sind sie endlich wieder das, weshalb die Sechstausend gekommen sind: die Pussycat Dolls. Gemeinsam. „Poison“. „Buttons“ in hautengen Animalprint-Bodys und mit drei ausgewählten Fans auf der Bühne. „Stickwitu“ in einem Meer aus Smartphone-Lichtern. Bei „Hush Hush“ ist plötzlich der Discofox in da house. Choreografien bis zum Sankt- Nimmerleins-Tag. Und natürlich kommt am Ende jener Song, an dem bei dieser Band ohnehin kein Weg vorbeiführt: „Don’t Cha“.

Fazit: Aus sechs sind drei geworden. Die Pussycat Dolls sind halbiert. Aber sie stehen im Saft. Voll. Und die Frau, die 17 Jahre zuvor Nicole Scherzinger einfach nur möglichst nah sein wollte? Sie lächelt. „Das Gefühl von damals war wieder da“, sagt sie. „Nur reifer.“


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