Vorsichtig pogen: Die Sex Pistols schreien gegen die Zeit an
Köln (kle) Beim Umzug tauchen sie plötzlich wieder auf: alte Kassetten. Man legt sie in den Kassettenrekorder, öffnet eine gute Flasche Wein, setzt sich gemütlich aufs Sofa, schwelgt in Erinnerungen und: genießt.
Mit den Sex Pistols könnte es ähnlich sein. Fast fünf Jahrzehnte nach ihrer Gründung stehen Steve Jones, Paul Cook und Glen Matlock wieder gemeinsam auf der Bühne. Gestern Abend auch im ausverkauften Kölner E-Werk. Frontmann-Ikone Johnny Rotten fehlt, stattdessen singt Frank Carter. Und man könnte sich die Frage stellen: Gehören manche Erinnerungen gerade deshalb zu den schönsten, weil sie sich nicht wiederholen lassen? Oder kann man einen Mythos tatsächlich noch einmal einschalten?
Ja, so einige Irokesen wirken auf den teils alten weißen Köpfen etwas verwelkt, viele T-Shirts mit dem fetten Anarchie-Symbol sind sichtlich verwaschen und der ein oder andere Pogo an der Seitenlinie kommt vielmehr vorsichtig als ungezügelt daher. Und ja, sogar der ein oder andere klappbare Gehwagen schiebt sich gemächlich durch die engen Gänge der Venue, aber, Spoiler: Von einem punkeresken Seniorenheim ist das E-Werk an diesem Abend noch ziemlich weit entfernt. Schon die beiden namhaften Vorbands – Slime und The Damned – zeigen eindrucksvoll, warum sie bis heute zur Punk-Spitze dazugehören und eine furiose Extraschicht schmutzigen Rock’n’Roll aufs Mühlheimer Parkett legen, die dem Publikum den ersten Schweiß aus den Poren treibt. Und dann geschieht das: Jones, Cook, Matlock und Carter stürmen auf die Bühne, Cook zählt vier vor und ab geht die Post mit „Holiday in the Sun“. „I don't wanna holiday in the sun / I wanna go to new Belsen / I wanna see some history / 'Cause now I got a reasonable economy“. Carter, optisch ein bisschen wie Ed Sheeran auf Punk, performt das professionell und wirbelt seinen Mikroständer dabei so extrem motiviert durch die stickige Luft der Halle, dass man befürchten könnte, die alten Hasen Jones und Matlock neben ihm bekommen das Ding gleich quer übergebraten. Gott sei Dank: Das passiert nicht. Der Sound hat erstaunlich wenig Patina. Carters rotziger Sprechgesang voller schneidender Aggressivität trifft auf Steve Jones' trockenes, riffbetontes Gitarrenspiel. Wer zum Teufel war nochmal John „Johnny Rotten“ Lydon? Für einen Moment fühlt sich diese Reunion nicht wie ein nostalgisches Projekt an, sondern erstaunlich gegenwärtig.
Die Gehwagen spielen plötzlich keine Rolle mehr, überbewertet sind die, meint man, und auf der Zuschauer-Innenfläche steppt der Bär. Alumni und Erstsemester pogen bei „Seventeen“ und „Pretty Vacant“ zusammen um die Wette. Sowas hat man noch nicht gesehen. Bei letztgenannter Nummer steigt doch Carter höchstpersönlich von der Bühne hinunter in den Moshpit und treibt ihn wie ein Dompteur samt seinem Mikro an. Um ihn herum tobt der Circle Pit und grölt „Oh, we're so pretty, oh, so pretty / We're vacant / Oh, we're so pretty, oh, so pretty / A-vacant“. Einige stolpern, geraten kurzzeitig unter die tobende Menge. Aber man hilft sich gegenseitig wieder hoch. Apropos vakant: Homeoffice wird wohl morgen die bessere Variante sein für diese Mutigen, denkt man.
Die Show, so simpel und so effektiv, macht Laune. Carter ist ganz er selbst und überhaupt nicht wie Rotten. Von Anfang an gleicht das E-Werk einer zu heiß gewordenen Melone in der Mikrowelle, die aus allen Fasern platzt. „God Save the Queen“ schiebt den Regler noch einmal ordentlich nach oben. Mein Gott, sind die Herren da oben (abgesehen von Carter) und viele da unten schon 70 Jahre alt? Kaum zu glauben, aber wahr. „I wanna be anarchy / And I wanna be anarchy / Know what I mean?“ Vielleicht lassen sich manche Erinnerungen eben doch noch einmal einschalten.
Info
Die Sex Pistols gelten als die einflussreichste Punkband der Musikgeschichte. Gegründet wurden sie 1975 in London von Gitarrist Steve Jones, Schlagzeuger Paul Cook, Bassist Glen Matlock und Sänger John Lydon, besser bekannt als Johnny Rotten. Mit Songs wie „Anarchy in the U.K.“, „God Save the Queen“ und „Pretty Vacant“ wurden sie innerhalb weniger Monate zum Symbol einer ganzen Jugendbewegung. Obwohl die Band nur ein einziges Studioalbum veröffentlichte – „Never Mind the Bollocks, Here's the Sex Pistols“ (1977) – veränderte sie die Rockmusik nachhaltig. Die provokanten Texte, die kompromisslose Haltung und zahlreiche Skandale machten die Sex Pistols weit über Großbritannien hinaus bekannt. 1977 wurde Glen Matlock kurzzeitig durch Sid Vicious ersetzt, dessen früher Tod 1979 den Mythos der Band zusätzlich befeuerte. Nach der Auflösung 1978 kam es mehrfach zu Reunion-Tourneen, zuletzt jedoch ohne Johnny Rotten. Bei der aktuellen Tour übernehmen Steve Jones, Paul Cook und Glen Matlock gemeinsam mit Frank Carter den Neustart. Carter, bislang vor allem als Frontmann der Punkbands Gallows und Frank Carter & The Rattlesnakes bekannt, interpretiert die Klassiker nicht als Kopie ihres ursprünglichen Sängers, sondern mit eigener Handschrift.