Erst wird es still, dann bringt Betterov seine Fans zum Weinen

Köln (kle) Wer schon immer mal Lust hatte, den typischen Berlin-Kreuzberg-Hippster-Style aus nächster Nähe zu studieren, der musste gestern Abend gar nicht die rund 600 Kilometer auf der A2 auf sich nehmen (oder sich alternativ in den ICE-Express setzen), sondern der konnte einfach auf ein Glas Kiefer Weißweinschorle (Riesling) im Kölner Carlswerk Victoria vorbeischauen. Denn dort gastierte der deutsche Musiker Betterov im Rahmen seiner „Große Kunst“-Tour. Und dessen Fans wirken zeitlos alternativ, akademisch fundiert und sympathisch interessiert. Nämlich interessiert an dem neuen Stern am deutschen Indie-Himmel, der eigentlich Manuel Bittorf heißt, mal Industriemechaniker gelernt (abgebrochen), danach Theatermusik gemacht (durchgezogen) und sich dann in Berlin mit seiner Gitarre durch Clubs und Vorprogramme gespielt hat. Klingt nach klassischem „Ich probier’s halt mal mit Musik“-Weg. Ist aber deutlich zielstrebiger, als es die lakonische Attitüde vermuten lässt.

Zielstrebig kommt auch Betterovs Begleitband auf die Bühne geeilt, kurz bevor sich schließlich Mister Hochgehypt (der letzten zwei Jahre) höchstpersönlich hinters Piano schwingt und die ersten Akkorde von „Große Kunst“ spielt. Ab hier wird’s unfassbar gut, denn, naja, Betterovs Stimme, die muss man einfach feiern. Aber ganz still, tief in sich vergraben feiern, weil sie wahrscheinlich aufgrund ihrer ach so wundervollen Zurückhaltung gar nichts anderes wollen würde. Betterovs Stimme, sie berührt wie ein Moment, der imstande ist, ein Leben zu verändern. „In der Schule war ich immer / Ein ziemlich stiller Geist / Ich saß auf der letzten Bank / Neben mir war ein Platz frei“.

Apropos Texte: Ja, die besitzen das außerordentliche Potenzial, eine intellektuelle Zuhörerschaft einzufangen und mitzunehmen auf eine Poesie-Reise, die vielmehr beiläufig vonstatten geht als großartig ausholt. Verkopft ist hier nichts. Gut vorstellbar, dass Verse wie „Du hast in mein Herz gemalt / Und mein Wert ist gestiegen / Ich war Mode war interessant / Ein ungeschliffener Diamant“ („Du hast in mein Herz gemalt“) bald schon im neuen Oberstufen-Deutschbuch in der Kategorie Lyrik abgedruckt werden. Den Schülern würde es gefallen. Bestimmt.

Nein, die Kompositionen des 32-jährigen Wahlberliners haben weder etwas gemein mit Danger Dans sprengstoff-sarkastischen „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“-Werken noch mit den philosophisch-theoretisch-fragmentarischen Stücken der Hamburger Schule. Betterovs Texten wohnt ein ganz eigener Zauber inne. Einer, der sich anfühlt wie der erste Satz eines eigenen Tagebuchs, an dem man stunden-, vielleicht sogar tage- oder wochenlang herumgefeilt hat. Und dann wird Betterov plötzlich zu Manuel, erzählt von der Flucht seiner Eltern über die innerdeutsche Grenze 1989 – „Ich wäre heute vielleicht gar nicht hier“ -, berichtet von dem sozialistischen DDR-System der Unterdrückung: „Man kann Menschen ihre Freiheit nehmen, nicht aber ihren Freiheitswillen!“ Die rund 1500 Zuschauer werden still. Ganz still. Kaum zu ertragen still. Die Nummer „Papa fuhr immer einen großen LKW“ bringt einige seiner Fans zum Weinen. Und heimlich könnte man meinen, dass es so gewesen sein muss: Eines Nachts, vor noch gar nicht mal allzu langer Zeit, schreckte Manuel Bittdorf schweißnass auf, und die Stimme des Musik-Gottes sprach zu ihm: „Du suchst nach dem Sinn deines Lebens? Sing doch einfach von dir und deinem Leben.“ Und Betterov fing an zu singen. Musik-Gott sei Dank.


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