So war das Billy-Talent-Konzert in Köln

Köln (kle)

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Billy Talent in der Kölner Kantine: ein historischer Club-Abend für den guten Zweck.

Wenn eine der prägendsten Punk-Rock-Formationen der 2000er-Jahre eine Location ansteuert, die eigentlich viel zu klein für sie ist, dann hat das Seltenheitswert. Gestern verwandelte die kanadische Arena-Band Billy Talent die Kölner Kantine in einen „kochenden Hexenkessel“. Im Rahmen einer exklusiven und streng limitierten „Underplay-Show“ feierte das Quartett das 20-jährige Jubiläum ihres Meilensteins „Billy Talent II“ und spielte das legendäre Erfolgsalbum von 2006 in voller Länge live durch. Das intime Club-Konzert fand vor rund 1.000 Fans statt. Und: Der Abend stand im Zeichen der Solidarität. Pro Ticket flossen 20 Euro direkt an die von Ex-Schlagzeuger Aaron Solowoniuk gegründete Initiative F.U.MS., die junge Menschen mit Multipler Sklerose unterstützt.

So war das Konzert…

Schweiß, fliegende Becher und mutige Mütter: Zurück in die Punkrockzeit mit Billy Talent

Köln (kle) „Das wird saugeil!“, raunt ein Fan seinem Kumpel beim Betreten des Konzertraums zu. Spoiler vorab: Er sollte verdammt recht behalten. Vor dem Konzert der kanadischen Band Billy Talent drücken draußen am Mittwochabend fast schon schwüle 30 Grad Celsius auf die Domstadt. Kein Wunder also, dass sich das bunt gemischte Publikum – optisch eine Zeitreise für sich, bestehend aus Fans zwischen Mitte 20 und Mitte 50 im standesgemäßen dunklen Band-Merch – vorab lieber noch gemütlich auf der Wiese vor der Kölner Kantine sonnen. Denn im Innenraum staut sich die Luft schon vor dem ersten Akkord massiv an. Ohnehin hat es etwas herrlich Surreales, eine absolute Arena-Band im kuscheligen 1.000-Zuschauer-Club-Rahmen so extrem nah erleben zu können. Ein Kontrast, der sich auch in den Gesprächen der Wartenden widerspiegelt, denn: Wer anno 2006 noch mit seinem Taschengeld-Konto kämpfte, um Bands wie NOFX oder The Offspring in den kleinen Hallen NRWs zu sehen, fachsimpelte heute im Publikum über Powerbanks und das beste iPhone-Modell für Konzertvideos. Sachen gibt’s. Doch als nach den Festival-Aufwärm-Hymnen von den Peaches („Boys Wanna Be Her“) und Muse („Knights of Cydonia“) gegen 21 Uhr sodann die vier Kanadier zum Gitarrenriff von „Devil in a Midnight Mass“ im Rampenlicht stehen, ist Schluss mit der digitalen Gemütlichkeit. Der reine Punkrock, so kann man das wohl sagen, ist zurück. iPhones weg! Genau wegen solcher Abende hat man damals schließlich selbst mal eine Band gegründet. Die Band ist präsent. Ab Sekunde eins. Der Rest ist eigentlich schnell erzählt. Eigentlich. Denn Billy Talent fackeln nicht lange und ballern ihr legendäres Meilenstein-Album „Billy Talent II“ in voller Länge von der Bühne. Plastik-Becher fliegen samt Inhalt im hohen Bogen durch die Luft. Die Kantine: am äußersten Anschlag. Optisch zeigt sich nach wenigen Songs ein kurioses Bild: Während die Haare von Frontmann Benjamin Kowalewicz angesichts der brutalen Hitze vor der Bühne bereits wie ein nasser Lappen an seinem Kopf kleben, trotzt die Frisur von Gitarrist Ian D’Sa jeglicher Physik. Ein absolutes Haargel-Mysterium. Und bestimmt Moshpit-erprobt. 

Zwischendurch gibt es im dichten Getümmel auch echte Herzklopf-Momente zu beobachten: Eine junge, unübersehbar schwangere Frau, verlässt kurz mit ihrem Begleiter den Saal, um frische Luft zu schnappen. Mutig? Definitiv. Vollkommen gesund bei der Lautstärke und dem Gedränge? Streng wissenschaftlich gesehen vielleicht fragwürdig. Aber fest steht: Dieses Baby wird Billy Talent später einmal lieben. Ganz bestimmt.

Musikalisch liefert das Quartett wie ein Schweizer Uhrwerk. Selbst selten gespielte Live-Raritäten wie „Where Is the Line?“ werden frenetisch gefeiert, auch wenn man sich mit einem kleinen Augenzwinkern eingestehen muss, dass die Nummer live nicht unbedingt der stärkste Song im Katalog der Kanadier ist. Spätestens bei der absoluten Kulthymne „Surrender“ gibt es kein Halten mehr: Die Menge singt aus voller Kehle und die ersten Crowd-Surfer segeln glücklich über die Köpfe der Eintausend hinweg. Wer es jetzt gewagt hatte, die Sanitäranlagen aufzusuchen, spurtet laut singend im Laufschritt zurück in den Saal, um ja keine Sekunde zu verpassen. Nachdem das bekannteste  Album der kanadischen Punkrocker komplett durchgerockt ist, folgt im zweiten Teil ein knackiges Best-of-Feuerwerk, das die Halle endgültig in den kollektiven Ausnahmezustand versetzt. Für Fans wie Lisa, die an diesem Abend ihr sage und schreibe 100. Billy Talent-Konzert feiert, schließt sich ein Kreis. Unter ohrenbetäubenden „Billy Talent“-Rufen verabschiedet sich die Band in die Nacht. Das Fazit des Abends? Punkrock pur. Genau wie früher, als vielleicht nicht alles besser, aber einiges verdammt viel leichter und man selbst ein ganzes Stück jünger war. Oder: einfach saugeil.


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