Robbie Williams provoziert Köln bei Konzert – „Düsseldorf ist besser“

Düsseldorf (kle) Kurz vor dem Stadiongelände steht eine junge Frau und singt „Walking in Memphis“ von Marc Cohn. Das Lied verhallt beinahe, während die rund 50.000 Menschen an diesem Juniabend gemütlich in die Merkur Spiel-Arena zu Robbie Williams spazieren. Würde eben der die Musikerin sehen, er würde zu ihr rübergehen und ein paar Worte mit ihr wechseln. Ganz bestimmt. Aber das geht nicht, er kann dieses bittersüße Gefühl der flüchtigen Begegnung nicht einfach in sich aufsaugen, weil er nicht unerkannt bliebe. Williams‘ Leben ist die absolute, grelle Öffentlichkeit. Davon erzählt auch das T-Shirt am Merchandise-Stand: „Robbie Williams – World’s Nicest Narcissist.

Der Tross der Fünfzigtausend zieht weiter. Fragen wie „Ist das tatsächlich schon fast 35 Jahre her, seit der schlaksige Brite aus Stoke-on-Trent via Bravo und Take That in die Jugendzimmer einer ganzen Generation einzog?“ bahnen sich ihren Weg hinein in die Herzen und Hirne vieler Xennials und Millennials. Die Jugend wird an den Jungen verschwendet, heißt es in Williams Song „Eternity“.  Die Ewigkeit hat er heute Abend zwar nicht im Gepäck, dafür aber ein hochglanzpoliertes Pop-Monument namens „Britpop“-World Tour.

Um kurz nach halb neun bricht die Inszenierung los. Aus den Boxen wummert Grace Jones „Williams Blood“, die Band bewegt sich zu seichten „Rocket“-Rhythmen roboterhaft über die Bühne. Zu all dem flankieren Tänzerinnen in weißen Gewändern das Geschehen, ehe der Meister höchstpersönlich von hinten auf einer kleinen Stage zu seiner Band geschoben wird. Vor ihm: Ein regelrechter Wald aus Mikrofonstativen. Der King of Entertainment ist zurück zu Hause, könnte man meinen. Outfit-Status: Rote Glitzerjacke kombiniert mit Jogginghose. Die Arena ist bereit. Bereit für „Let Me Entertain You“ und das obligatorische „My name is Robbie f…! Williams!“.

Ja, und der sucht das Duell mit der Nachbarstadt. „Die Kölner waren gestern lauter!“, behauptet Williams. Eine steile These, schließlich macht seine Tour um Köln einen großen Bogen. Den Dom wird Mr. Williams höchstens übermorgen aus dem Flieger sehen. Nach einem wilden musikalischen Sammelsurium aus längst vergangenen Tagen – Blurs „Song 2“, White Stripes‘ „Seven Nation Army“ und Bon Jovis „Livin‘ on a Prayer“ – muss Williams zugeben, dass Düsseldorf „much better than Cologne“ ist. So aufgedreht und voller positiver Energie hat man den britischen Popstar schon lange nicht mehr erlebt. Seine Lässigkeit steckt an. Die Zuschauer auf den Rängen sind so ganz bei sich und werfen dem einstigen Bad Boy ihr Dauergrinsen entgegen. Und der, der zu jener seltenen Sorte Popstar gehört, die eigentlich längst hätten scheitern müssen, weil er 1995 Take That verließ und vielen als überdrehter Partygänger mit Talent zur Selbstzerstörung galt, wirft ihnen das Lächeln zurück, reflektiert über den Begriff „Entertainment“, summt zwischendurch ein paar ausgedachte Melodien und beteuert, dass er das alles nicht für den Ruhm oder das Geld mache; sondern nur für seine vier Kinder und deren Haus. Es wird gescherzt, bis sich die Balken biegen. Und Robert Peter Williams steht bei all dem so da in seinem langen roten Fransenmantel, wie ein durchgeknallter Weihnachtsmann, der Anfang Juni einfach keine Lust mehr auf seine Rentiere hatte. Der einstige Boyband-Aussteiger ist größer als die Band, aus der er gekommen war. Hut ab.

Die Show lebt von cleveren Brüchen und technischer Raffinesse. Bei „Strong“ greift die Künstliche Intelligenz ins Geschehen ein: Auf den riesigen Leinwänden taucht Robbies jüngeres Ich auf. Der gereifte Star erzählt dem ungestümen Boyband-Flegel von einst, was aus ihm geworden ist. Das digitale Ich staunt. Und staunt. Und staunt. Die emotionale Dichte nimmt bei „The Road to Mandalay“ zu. Zusammen mit seiner Band zieht er - einer Musik-Kapelle aus New Orleans ähnlich – zu Fuß zur kleinen Bühne im Innenraum. Die Menschen rennen an die Seiten, um ihrem Idol für einen kurzen Moment näher sein zu können. Williams selbst wirkt dabei tief glücklich. Seine Hits fungieren als Schnelldurchlauf durch seine eigene Vita, die gleichzeitig der Soundtrack zur Biografie fast jedes Einzelnen in der Halle ist. Später, auf dem Rückweg zur Hauptbühne, kommt es zu diesem Moment: Williams singt „Something Beautiful“. Ein älterer männlicher Fan in der ersten Reihe flüstert ihm etwas ins Ohr. Williams bedankt sich, sichtlich bewegt, und er kämpft spürbar mit den Tränen. Was ihm der Mann wohl gesagt hat? Es bleibt ein Geheimnis.

Und dann: „New York New York“. Wer war nochmal Frank Sinatra? Williams singt die Hymne wie jemand, der absolut nichts mehr zu verlieren, aber bereits alles gewonnen hat. Sein grell schreiender, pinker Anzug fegt jeden Rest der Sinatra-Ära beiseite: Weg mit den Assoziationen an verrauchte Mafia-Klubs, illegales Glücksspiel und die Verstrickungen des Rat Packs. Hier regiert der pure Pop-Exzess der Gegenwart. Auf der Zielgeraden möchte man bei „Kids“ am liebsten selbst auf die Bühne springen und mit den Tänzerinnen die Bude rocken. Der längst ergraute Williams quatscht ein wenig später mit der 29-jährigen Vanessa aus Bielefeld (!). Sie ist tough, ihr Englisch exzellent, und sie fällt nicht in Ohnmacht. Stark. Als schließlich nach „Feel“ und „Angels“ die Lichter in der Arena wieder angehen, bleibt die Erkenntnis: „Eternity“ hat Robbie Williams zwar heute nicht gesungen, aber die Vergänglichkeit war dennoch allgegenwärtig. Williams hat sich im Laufe seiner Karriere längst ein Denkmal gesetzt. In Düsseldorf feierte er es gemeinsam mit seinen Fans. Genüsslich, selbstironisch und erstaunlich berührend. Vielleicht ist genau das echtes Entertainment.

 

Info

Robbie Williams (52) gehört zu den erfolgreichsten britischen Popkünstlern der vergangenen drei Jahrzehnte. Nach seinem Ausstieg bei Take That 1995 gelang ihm eine Solokarriere, die ihn mit Hits wie „Angels“, „Feel“ und „Rock DJ“ zum internationalen Superstar machte. Alben wie „Life thru a Lens“ (1997), „I've Been Expecting You“ (1998), „Sing When You're Winning“ (2000) und „Escapology“ (2002) katapultierten ihn in den vornehmlich europäischen Pop-Olymp. Aber: Weltweit verkaufte er mehr als 85 Millionen Tonträger. Mit seinem Anfang 2026 erschienenen Album „Britpop“ erreichte Williams zum 16. Mal Platz eins der britischen Albumcharts: häufiger als jeder andere britische Solokünstler. Neben seinen musikalischen Erfolgen wurde Williams immer wieder auch durch öffentliche Krisen, Alkohol- und Drogenprobleme sowie seine offene Auseinandersetzung mit psychischen Belastungen bekannt. Privat gilt Williams inzwischen als Familienmensch: Seit 2010 ist er mit der Schauspielerin Ayda Field verheiratet; gemeinsam hat das Paar vier Kinder. Düsseldorf ist mit zwei Konzerten (05. & 06.06.) in der Merkur Spiel-Arena die einzige deutsche Station der aktuellen „Britpop“-World Tour.

Side-Story

Dass seine aktuelle Tour ausgerechnet „Britpop“ heißt, besitzt eine gewisse Ironie. In den Neunzigern blickte Williams neidisch auf Bands wie Oasis, deren Coolness ihm als ehemaligem Boygroup-Mitglied unerreichbar schien. Die Gallagher-Brüder verspotteten ihn öffentlich, Williams revanchierte sich mit gewohnt großer Klappe. Daher wirkt das Album „Britpop“ wie ein Triumphzug durch die Ruinen eines alten Kulturkampfs, der alte Streit fast wie eine Fußnote.


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