Die Toten Hosen in Düsseldorf: wie ein in Beton geparkter Opel Kadett
Düsseldorf (kle) „Plopp, Plopp“. Während sich in den Katakomben der Merkur Spiel-Arena Campino, Kuddel, Breiti, Andi und Vom Ritchie auf ihr Heimspiel vorbereiten dürften, jagt draußen auf den Tennisplätzen nebenan ein Pärchen unbeirrt einer gelben Filzkugel hinterher. Ja, wissen die denn nicht, dass etwa eine Stunde später das ausverkaufte Heim-Konzert des Jahres beginnt? Dass die Toten Hosen im Rahmen ihrer „Trink aus! Wir müssen gehen“-Tour gemeinsam mit 50.000 Fans für ein paar Stunden ihre Stadt übernehmen werden? Scheinbar nicht. Ein Fan der Rostocker Punkband Feine Sane Fischfilet hat’s gewusst. „Scheißegal, wir haben gelebt!“ steht auf seinem T-Shirt. Ein schöner Satz.
Was muss das eigentlich für ein emotionaler Kraftakt für die fünf wohl bekanntesten Edelfans der Düsseldorfer Fortuna sein, in diesem schmucken Stadion spielen zu können, mussten sie doch erst vor etwa sechs Wochen miterleben, wie ihre Schützlinge den bitteren Gang in die 3. Bundeliga besiegelt haben. Aber Trübsal blasen? Fehlanzeige. Schon bei der Vorband Rise Against geht im Frontstage-Bereich ein ordentlicher Pogo ab. Kurze Zeit später krakeelen die Fünfzigtausend das traditionelle „Trink aus, wir müssen gehen“. Hartgesottene Fans schwenken dazu die individuell gestalteten Fahnen im Innenbereich der Arena, die typische Symbole der Band, wie zum Beispiel den bekannten "JKP-Totenkopf" oder den Schriftzug „Bis zum bitteren Ende", aufgreifen. Eine Stimmung wie vor einem extrem wichtigen Fußballspiel ist das.
„Das wird ein heißer Abend!“, davon ist Andreas Joachim Wolfgang Konrad Frege alias Campino schon nach der ersten Nummer „Opel-Gang“ überzeugt. Untertreibung könnte nicht charmanter daherkommen. Denn: Der Moshpit vor der Bühne scheint sich schon jetzt selbst zu überrollen. Und Mr. Charisma lässt sich nicht lange bitten, schmeißt sich direkt an die Absperrung und klatscht mit Zuschauern ab, was seine Hände hergeben. Eine der obligatorischen, halbvollen Bierbecher, die vor Freude zu den Tönen von „Die Show muss weitergehen“ oder „Auswärtsspiel“ fast wie von selbst in die Lüfte fliegen, trifft in diesem Moment sogar die Seilkamera. Autsch. Aber nichts passiert.
Wüsste man es nicht besser, man könnte meinen, im legendären La Bombonera-Stadion zu sein. Argentinische Flaggen und Pyrotechnik, soweit das Auge reicht. Man muss wissen: Die Hosen pflegen schon seit geraumer Zeit eine innige Fan-Liebe zu Argentinien. Und: Rituale sind den treuen Wegbegleitern der Toten Hosen enorm wichtig, auch das muss man wissen. „Wir haben total Bock auf dieses Wochenende!“, schreit Campino ins Mikro, bevor er „Als wir geboren sind, wurd' die Erde heiß / Lassen Gletscher schmelzen für 'ne Kugel Eis“ singt. Beinahe zehn Jahre ist es jetzt her, dass diese Nummer, „Laune der Natur“, ja, eigentlich die gesamte gleichnamige Platte, ein mittelschweres Erdbeben in der Fanbasis der Düsseldorfer Legenden auslöste: Sind das noch die echten Hosen oder haben sie sich endgültig mit dem Mainstream arrangiert, fragten sich viele. Manche wendeten sich ab von der Band. Aber die, die blieben und neu dazukamen, haben den Punkrock-Trupp endgültig in die Mitte der Gesellschaft gehievt. Heute singen die Managerin in der Loge, Jennifer aus der 8b und Achim aus der Logistik exakt dieselben Zeilen. Verrückt.
„Altes Fieber“ reißt endgültig alles nieder. In diesem Song vereint sich alles, was den Sound und vielleicht sogar den Soundtrack der Toten Hosen im Kern immer ausgemacht hat: Hymnen-Charakter, Nostalgie-Subtilität, Zeitlosigkeit. Und: Das Gefühl von wir-fühlen-alle-genau-das-selbe. Apropos: Als Campino kurze Zeit später den 28.Juni 1997 anspricht, den Tag, an dem die damals 16-jährige Rieke Lax während des 1000. Konzerts der Band im alten Rheinstadion verstarb, wird es ganz still. „Unsere Tochter ist nicht wegen euch gestorben. Sondern bei euch“, zitiert der Sänger mit brüchiger Stimme die Mutter der Verstorbenen Rieke. Ganz plötzlich wird der zuvor brodelnde Hexenkessel zu einem Ort des Gedenkens. „Und so red ich mit dir wie immer / So als ob es wie früher wär / So als hätten wir jede Menge Zeit / Ich spür dich ganz nah hier bei mir“. Ein kollektiver Kloß in den Hälsen der Fünfzigtausend.
Später versinkt die Arena in einem roten Pyro-Meer. Und pünktlich zum wohl immer noch besten Song der Düsseldorfer - „Hier kommt Alex“ – riecht die Luft verbrannt, verbraucht und dreckig. So wie nach einer durchzechten Sommernacht am Lagerfeuer. Mit Freunden. Und das passt, denn genau so fühlt sich am Ende ein Hosen-Konzert immer an: Wie eine Nacht zusammen mit seinen besten Freunden.
Fazit: Die Toten Hosen gehören zu Düsseldorf. Ja, vielleicht sogar mehr als jede andere Band zu ihrer Heimatstadt. Dass ausgerechnet eine Punkband einmal Generationen verbinden würde, hätte 1982 wahrscheinlich niemand geglaubt. Sind sie im Jahr 2026 doch keine einfache Rockband mehr. Sie sind wie ein in Beton geparkter Opel Kadett irgendwo mitten auf der schicken Königsallee. Ein unbequemer, lauter Fremdkörper, auf dessen Kühlerhaube unverwüstlich eingemeißelt steht: „Scheißegal, wir haben gelebt.“ Ein schöner Satz.
Info:
Die Toten Hosen sind der vielleicht größte Widerspruch der deutschen Rockgeschichte. Entstanden 1982 im Umfeld des Düsseldorfer Ratinger Hofs, wollten Campino, Andreas „Kuddel“ von Holst, Andreas „Andi“ Meurer, Michael „Breiti“ Breitkopf, Trini Trimpop und Walter „November“ Hartung vor allem eines sein: laut, unbequem und möglichst weit entfernt vom kulturellen Mainstream. Dass ausgerechnet sie einmal zu einer der größten Rockbands des Landes werden würden, dürfte damals niemand ernsthaft für möglich gehalten haben.
Während viele Bands der ersten deutschen Punkgeneration – etwa Male oder Slime – Kultstatus behielten, aber nie den Sprung in die Mitte der Gesellschaft schafften, entwickelten sich die Hosen zum Massenphänomen. Sie füllen Stadien, beziehen seit Jahrzehnten klar Stellung gegen Rechtsextremismus und gesellschaftliche Ausgrenzung und erreichen längst ein Publikum, das mit Punk ursprünglich kaum Berührung hatte. Gerade darin liegt ihre Besonderheit: Die Toten Hosen bewegen sich seit Jahren scheinbar mühelos zwischen Establishment und Widerspruch. Sie spielen bei staatlichen Anlässen ebenso selbstverständlich wie bei Benefizkonzerten, ihre Lieder gehören längst zum kulturellen Gedächtnis mehrerer Generationen – und trotzdem wirken Songs wie „Hier kommt Alex“ oder „1000 gute Gründe“ nie wie bloße Museumsstücke.
Das aktuelle Album „Trink aus! Wir müssen gehen“, das als letztes Studioalbum angekündigt wurde, verleiht der Tour deshalb eine besondere Spannung. Es wirkt weniger wie ein nostalgischer Abschied als wie der Versuch, den eigenen Schlusspunkt selbst zu setzen. Die Toten Hosen spielen heute nicht einfach ihre Klassiker. Sie verteidigen die Idee, dass eine Band auch nach mehr als vierzig Jahren mehr sein kann als ihr eigenes Denkmal.
Erschienen in der WAZ