Electric Callboy brennen die Halle ab
Düsseldorf (kle) Beginnen wir klassisch informativ: Electric Callboy, das ist eine deutsche Metalcore-/Trancecore-Band aus Castrop-Rauxel, die 2010 ursprünglich unter dem Namen Eskimo Callboy gegründet wurde; ein Projekt, das mit einem Mix aus Metalcore, elektronischen Einflüssen und provokantem Humor auffiel. Parallel zu den Erfolgen wuchs jedoch auch die Kritik an der Band. „Zwischendurch plopp[t]en vonseiten einiger Satiretauber Vorwürfe [gegen die Band] wegen angeblich homophober, frauen-, minderheits- und menschenfeindlicher Texte auf. Ihrer Popularität schadet[e] das nicht wirklich“ (laut.de). Darüber hinaus entstand eine Debatte um den alten Bandnamen, der das in Nordamerika umstrittene und von Teilen der Inuit-Gemeinschaft als diskriminierend empfundene Wort „Eskimo“ enthielt. 2022: Aus Eskimo Callboy wurde Electric Callboy. Mit Songs wie „Ratatata“, „Elevator Operator“, „Revery“ oder „Tanzneid“ gastierte die Band nun im Rahmen ihrer „Tanzneid“-World Tour gestern Nacht im ausverkauften PSD Bank Dome vor rund 8.000 Fans. Es war daher, das kann man so konstatieren, ein Abend mit einer Art experimentellen Note, da im Wesentlichen eine Frage im Mittelpunkt des Geschehens stand. Wie viel Metal-/Transcore von Electric Callboy kann man ertragen?
So war das Konzert.
Besucher mit Disco-Helmen, Vokuhila-Perücken und sogar blinkenden Plastik-Einhörnern durchstreifen das Foyer des Dome, um sich in die Schlange des Merchandise-Stands, in die der Toiletten oder der Theke (Ein Getränk plus Pfand 9,50€!) zu stellen. Alles friedlich, alles entspannt. Um Viertel nach neun dann endlich – „Disco 2000“ von Pulp als Techno-Version schallt durch die Boxen und endet abrupt, wie auch das dazugehörige „Ooh ooh“ der Achttausend – gibt’s einen ohrenbetäubenden Knall, der vordere Vorhang einer kleineren Bühne auf der Haupt-Bühne fällt, und da stehen sie, die Jungs von Electric Callboy. Sie suhlen sich freudestrahlend in ihrem Applaus und ihren Bässen, dass einem vor allem Hören vergeht. „(Tanzneid) when the place is suffering / (Tanzneid) everybody's getting down“, krakeelt Sänger Kevin Ratajczak ins Mikro, Feuerbrünste quillen aus allen Poren der Bühne, die LED-Scheinwerfer in Kreuzform über den Castrop-Rauxelern scheinen so grell, dass einem vor allem Sehen vergeht. Alles ist laut, alles ist völlig drüber irgendwie, aber auf sympathische Art; wie sechs Teenager, die nach zu viel Dosenbier von der Tanke zu guter Letzt noch auf dem Dorfplatz abtanzen. Moshpit. Einer vorne, einer weiter hinten. Direkt im Anschluss spielen sie die Single „Still Waiting“ – ein Cover des gleichnamigen Sum 41-Songs, der früheren Band von Schlagzeuger Frank Zummo, der seit dem Sommer die Drumsticks für die Fünf aus dem Pott schwingt. Kalifornischer Punkrock allerdings ist das Gesamtpaket von Ratajczak und Co. eher nicht, nein, die Songs – so auch „Tekkno Train“ - überrollen einen förmlich in ihrer Voluminosität und Brachialität wie eine Dampflokomotive. Der Begriff Reizüberflutung trifft es wohl am besten. „Düsseldorf, wo seid ihr“?“, schreit Sänger Nummer zwei, Nico Sallach, den Achttausend entgegen. Wo sollen die schon sein? Sie rocken ab, als wär’s heute Nacht die letzte Gelegenheit vorm großen Impakt.
Aber wer dachte, das war’s dann schon mit energetischem Auftritt und so, der hat sich ordentlich geschnitten. „Hypa, hypa, you're pretty and I like ya“: Der Dome grölt und zerfetzt sich vor lauter Neon-Trainingsanzug-Björn Borg-Stirnband-Ekstase selbst in Stücke, so scheint es. Ist das krachig. Nichts für zart Besaitete. Definitiv. Das Soundbrett ist enorm, so viel nervöser Wums. Man fragt sich, wie die Band selbst imstande ist, diesen Sound-Irrsinn Konzert für Konzert, Probe für Probe auszuhalten. Zwei Fans, verkleidet als Chiquita-Bananen, tanzen Arm in Arm im temporär leeren Moshpitkreis, ein paar Sekunden später jedoch werden sie vom anrollenden Pogo-Schwarm vernascht. Ein tolles Bild.
Das Rave-Medley kurze Zeit später – „Hurrikan“, „Overkill“, „All the Small Things“ und „Bodies“ durchbrennt jedwede Gefühls-Synapsen. Wer jetzt nicht voll auf Bass ist, hat etwas falsch gemacht. Und ja, zugegebenermaßen, die Musik der fast-Düsseldorfer – „Das ist ja heute Abend unser Hometown-Konzert!“ – lässt wenig Raum für Melodiösität, das mag unter anderem am Genre im Allgemeinen und an den stimmlichen Grenzen (in diesem musikalischen Kontext, versteht sich!) der beiden Sänger im Speziellen liegen, aber: stolz sein auf sich können die sechs Sympathieträger der Trancecore-Szene allemal. Songs wie „Hate/Love“ besitzen internationales Format. Dennoch: Die Arrangements sind auf die Dauer von annähernd zwei Stunden nur schwer zu ertragen. Die Bass-Drum-Doppelschläge von Zummo stoßen sich wie ein von der Leine gelassener Presslufthammer in den Solarplexus.
Dann plötzlich sind Electric Boy ihren Fans ganz nah. Denn sie spielen „Fuckboi“ in der Mitte der Halle. Akustisch! Sallachs und Ratajczaks Stimmen sind endlich einmal zu hören. Nicht schlecht. Am Ende aber wird der Dome bei „ RATATATA“ abgebrannt. Fazit: Electric Callboy. Ertragbar. Und nichts für Sonntagabend-Sofa-Liebhaber.