Tanzen, tanzen, endlos tanzen mit Jamiroquai in der Kölner Lanxess-Arena
Köln (kle) „Kokain ist im Musikbusiness allgegenwärtig. Es ist schwer, davon loszukommen. Mein Doktor, den ich eigentlich wegen Halsschmerzen aufsuchte, meinte nur, wenn ich meine Karriere zerstören wolle, solle ich nur so weiter machen. Also habe ich aufgehört und nun bin ich dazu verdammt, allen Kollegen um mich herum beim Koksen zuzuschauen." (Jason Kay, Sänger von Jamiroquai / 2001) Tja, was soll man dazu sagen, außer vielleicht: eine gute Entscheidung von Kay, oder? Nicht nur, dass ihr letztes Album „Automaton“ 2017 in 38 Ländern auf Platz 1 landete und sie damals damit all ihren Kritikern bewiesen, dass der Ofen auch nach 25 Jahren Bandgeschichte noch lange nicht aus war (zugegeben, die Veröffentlichung dieses Albums liegt mittlerweile schon wieder acht Jahre zurück!), auch sind Jason Luís „Jay Kay“ Cheetham und Konsorten nach wie vor für ihre energetischen Live-Shows bekannt und touren nun nach sechsjähriger Konzert-Pause wieder durch die europäischen Hallen. Gestern Abend dann waren die britischen Acid-Jazzer im Rahmen ihrer „The Heel of Steel“-Tour zu Gast in der ausverkauften Kölner Lanxess-Arena. Wie das einzige NRW-Konzert so war:
Tanzen, tanzen, tanzen. Eigentlich kann man den Auftritt genau so zusammenfassen. Als Kay in seiner Western Fransen-Jacke und einem beigefarbenen Glitzer-Hut um kurz vor neun zum Intro von „(Don't) Give Hate a Chance“ ohne großes Gehabe die Bühne betritt – die sechsköpfige (und großartige Band!) hat sich schon längst formiert -, wird der Diskokugel-Teppich ausgerollt (natürlich rein metaphorisch zu verstehen). Seine Fans in den ersten Reihen strecken Kay ihre Arme entgegen: Sie wollen ihm nahe sein, auch etwas von seiner hüpfenden Leichtigkeit abbekommen, so scheint es. Kay, der im Schatten des Hutes ein kleines bisschen wie eine Mischung aus Gerard Butler und Brad Pitt aussieht, winkt ihnen, wie Disko-Prinzen das nun einmal zu pflegen tun, lässig zu und singt „Why can't we be together?“. Nur der Bühnengraben samt umherflitzenden Fotografen liegt zwischen ihnen. Schade, der Sound (der Band!) klingt so gut, dass man das Gefühl bekommt, eine Schallplatte aus qualitativ hochwertigen Boxen zu hören. Selbstverständlich ist das ein Klagen auf hohem Niveau. „Little L“ tritt die Disko-Fever-Tür so radikal auf: Selbst Sir John Travolta hätte Mühe gehabt, hier mitzuhalten. Die Arena wird in regenbogenfarbenes LED-Licht getränkt. Und dennoch ist (wahrscheinlich) jedem Zuschauer heute Nacht klar: Das wird nicht die Show der umwerfenden Effekte, der sich abseilenden Tänzer oder irgendwelcher Zaubertricks, nein, das wird ehrlich. Authentisch. Bodenständig. Was will man auch anderes von Musikern wie Paul Turner (bas), Matt Johnson (p), Rob Harris (git) oder Derrick McKenzie (dr), die Kay und die 18.000 Zuschauer konzentriert und spielerisch (fast erschreckend) tight durch den Abend pushen, erwarten?
Sodann kommt der gebürtige Stretforder mit seinem Smartphone auf die Bühne und bittet die jubelnde Menge, ihm ein Lächeln zu schenken, das er mit seiner Kamera dokumentieren kann. „Just for my little girl“, she's going to bed right now“, raunt er gut gelaunt ins Mikro. Ist das putzig. Kay, ein fürsorglicher Vater. Mittlerweile trägt er eine grüne Trainingsjacke und Kopfhörer, die in allen möglichen Farben blinken. Und auch, wenn seine Stimme nichts von ihrer Einzigartigkeit verloren hat - häufig nutzt er eine klare Falsett-Stimme, aber auch eine gut kontrollierte Bruststimme, deren Phrasierungen oftmals rhythmisch präzise, fast perkussiv daherkommen -, so kann sie doch zuweilen durch ihre angerauten Höhen im Trommelfell zu jucken beginnen. Apropos: Ihre Nummern – „Alright“, „You Give Me Something“ oder auch „Cloud 9“ – ziehen Kay und Co. gut in die Länge. Das ist als Würdigung gegenüber den Musikern und Fans, vor allem aber gegenüber der Musik an sich zu verstehen. Großartig. Die Stimmung auf den Rängen wird von Song zu Song ausgelassener, die Arena verfällt, so hat man das Gefühl, in einen seicht-kollektiven Disko-Traum, der, zumindest heute Nacht, nicht enden soll. Eine Frau bewegt ihre Lippen zu „Talullah“. Sie ist ganz bei sich und singt „Can't you see my mind / I need you all the time“.
Was dann noch kommt: Ein „That was good. I like this shit“ von Kay nach „Travelling Without Moving“, eine neue Nummer namens „Shadow in the Night“ in Endlos-Schleife und na klar, „Cosmic Girl“ und „Virtual Insanity“ als Zugabe. Der Diskokugel-Teppich schlängelt sich mittlerweile einmal quer durch die Halle und zieht den Achtzehntausend den Boden unter den Füßen weg. Deswegen, ja, deswegen müssen sie tanzen. Tanzen. Tanzen.
Erschienen in der WAZ