The Offspring bringt Köln zurück in die 90er
Köln (kle) Als die US-amerikanische Punk-Rock-Band aus Orange County/Kalifornien 1994 mit der Hitsingle „Self Esteem“ den internationalen Durchbruch schaffte und fünf Jahre danach - kurz vor der Jahrtausendwende - mit ihrem dritten Album „Americana“ im Gepäck auf den damals so berühmt berüchtigten Brettern der Kölner Live Music Hall stand, hätten wahrscheinlich nicht viele der damals etwa 1000 Besucher einen Taler darauf gewettet, dass es die Punker-Boys um den charismatisch-dauerbleich-blondierten Frontmann Bryan „Dexter“ Holland beinahe 27 Jahre später - ein paar Veedel weiter in der Kölner Lanxess-Arena – vor rund 13.000 ihrer Fans noch einmal wissen wollen würden. Zumal damals – 1999 –Dexter und Co. nicht nur nach einer knappen halben Stunde Show die Bühne völlig genervt vom Publikum mit den Worten „Fuck You“ verließen und mitunter ihre ärgsten Mainstream-Konkurrenten, wie zum Beispiel Green Day, wie auch die kalifornische Punkrock-Szene insgesamt, auf einem absterbenden Ast zu sitzen schienen und man eigentlich nur darauf wartete, dass die sonnenverwöhnte Skater-Mittelfinger-Attitüde auf drei Akkorden ihren letzten Atemzug machen würde.
Doch: The Offspring schlagen auf an diesem Mittwoch-Abend. Pünktlich um neun. Mit „Come Out and Play“. Dexter sieht noch immer so aus wie vor 30 Jahren. Und er klingt noch immer so. Seine Stimme hat nichts von ihrer eisernen Schroffheit verloren. Dass der Sound der Arena eher mittelmäßig ist und vor allem die Höhen der E-Gitarren nicht wirklich zur Geltung kommen: egal. Früher mit neunzehn hörte man sie auch nicht. Auch nicht die Tiefen. Insgesamt wirken die vier Kalifornier etwas abgezockter als früher, nicht mehr ganz so naiv agil wie einst, als aus der Schülerband Manic Subsidal eine Punk-Instanz wurde, die 1994 mit „Smash“ das meistverkaufte Independent-Album aller Zeiten raushaute und imstande war, mit ihren Songs das Lebensgefühl der Generationen x und y einzufangen. Mit Songs wie „All I Want“, „The Kids Aren’t Alright“ oder „Pretty Fly (for a White Guy)“ spülten sie die US-amerikanische Punkrockszene weich. Kevin Wasserman alias Noodles, Gitarrist der Band seit ihrer Gründung 1985 und bekannt für seinen oft gefärbten Haarschopf samt Hornbrille, plaudert zwischen den Nummern wie eh und je mit den Zuschauern und gleichzeitig mit seinem langjährigen musikalischen Weggefährten Holland über dies und das. Das sei heute Nacht das beste Publikum seit langem, krakeelt er verschmitzt ins Mikro. Bevor er schließlich das Riff von Ozzy Osbournes „Paranoid“ anstimmt. Die Fans sind aus dem Häuschen. Pogo vom Feinsten. Was stört: die mobilen Getränkeverkäufer. Sie pressen sich mit ihren fülligen Bierrucksäcken durch die Reihen des Innenraums. Sogar vor dem Moshpit machen sie nicht halt. Sachen gibt’s. Apropos: Dexter machte als Punkrocker zwischen Alben und Welttourneen 2017 sogar seinen Doktor in Molekularbiologie. Hut ab.
Was sonst noch so passiert: Blau-weiße Papier-Streifen regnen nach „Bad Habit“ von der Decke. Das fühlt sich in etwa so an, als würden bei einem Konzert von Ludovico Einaudi plötzlich Stinkefinger-Sticker von der Decke prasseln. Dass The Offspring es mit dem Papierzeug übertreiben – es gibt noch bunte Lametta nach „Pretty Fly (for a White Guy)“: Sei’s drum. Früher war weniger Lametta. Dafür mehr Bums. Als zu all dem gegen Ende des Konzerts Holland hinter einem weißen Flügel auch noch „Hey Jude“ von den Beatles zum Besten gibt, stellt sich (für mich) die Frage: Soll ich bleiben oder soll ich gehen? Ich bleibe, und „Self Esteem“ kommt. „That's okay 'cause I've got no self-esteem“, singt Dexter. Gerade nochmal gut gegangen.