Cologne Jazzweek, 2. Tag: Hinter der Wirklichkeit

Köln (kle) Evan Parker und Peter Evans sowie Tizia Zimmermann und Pablo Lienhard loten bei der Cologne Jazzweek im Loft die Grenzen ihrer Instrumente aus.

Ein Saxofon bleibt ein Saxofon, eine Trompete eine Trompete. Eigentlich. Was aber passiert, wenn zwei Musiker versuchen, gemeinsam mehr Klang zu erzeugen, als zwei Instrumente eigentlich hergeben dürften? Hier eine Geschichte dazu.

Da ist diese Frau. Um die 80. Bestimmt. Sie sitzt auf einem der rund hundert Stühle im ausverkauften Loft und schaut an die Wand. Dort hängen Fotografien des Kölner Bildjournalisten Hyou Vielz. „Der stille Chronist“ heißt die Ausstellung, die an diesem Abend zur Cologne Jazzweek eröffnet wird. Die Frau scheint gedanklich weggebeamt, magnetisch angezogen von den Bildern.

Aber: Um die Ausstellung geht es heute Abend nur am Rande. Denn im Rahmen der Cologne Jazzweek treffen im Loft zwei ziemlich unterschiedliche Duos aufeinander: Tizia Zimmermann am Akkordeon und Pablo Lienhard an der Elektronik sowie die beiden Bläser Evan Parker und Peter Evans.

Und die beiden betreten wie zwei schüchterne Gladiatoren des Jazz kurz nach acht den Konzertraum. Applaus. Parker ordnet sich kurz, pustet noch einmal in sein silbernes Sopransaxofon. Dann beginnen die beiden, ihre Instrumente regelrecht zu besäuseln. Evans’ Trompete klingt zunächst wie eine entzückte Biene im Lavendelstrauch. Parkers Saxofon wie die Laute eines aufgeregten Erdmännchens. Doch die Biene holt schnell ihre Bienenfreunde dazu. Das Erdmännchen die ihrigen. Plötzlich sind hier deutlich mehr als zwei Instrumente im Raum.

Was folgt, ist eine Kakophonie aus zahllosen Quietschern und Hupern, aus sich permanent wiederholenden, ein- und ausatmenden Geräuschen, deren Herkunft sich irgendwann kaum noch bestimmen lässt. Trompete? Saxofon? Beides? Keines von beidem? Es könnte auch die Soundkulisse zu einem neuen Streifen namens „Hinter der Wirklichkeit liegt noch eine zweite. Mindestens“ sein.

Wer weiß: Einen Planeten, auf dem extraterrestrische Wesen so symbiotisch miteinander „sprechen“ wie Parker und Evans, den gibt es bestimmt irgendwo im Universum. Ganz sicher.

Von Sekunde eins an sehen die beiden dabei aus, als könnten ihre Gesichter vor Erregung jeden Moment platzen und als seien sie gleichzeitig vollkommen hypnotisiert von dem, was zwischen ihnen passiert. Parker spielt, Evans antwortet. Evans stößt etwas an, Parker nimmt es auf. Oder umgekehrt. Irgendwann lässt sich auch das nicht mehr auseinanderhalten. In ihrem musikalischen Miteinander sind die beiden nicht von dieser Welt. Das erste Stück dauert 25 Minuten.

Kurz darauf kippt ein Zuschauer in den vorderen Reihen um. Der Rettungsdienst kommt. Mit Blaulicht. Unterbrechung. Willkommen zurück auf der Erde. Gott sei Dank alles halb so wild.

Mit Tizia Zimmermann und Pablo Lienhard hebt das Raumschiff in der Wißmannstraße 30 kurze Zeit später wieder ab. Lienhard schraubt scheinbar gemütlich an den Reglern seines Mischpults. Bässe, schrille, alarmartige Tonfetzen von beeindruckender atmosphärischer Wucht und verbeulte Beats, die zwar noch Rhythmus sind, aber offenbar nicht mehr ordentlich geometrisch daherkommen, verwandeln das Loft in eine Enterprise Ehrenfeld. Daneben: Zimmermann mit ihrem Akkordeon. Ein Instrument, das gegen dieses elektronische Gebilde zunächst beinahe hoffnungslos analog wirkt. Doch Zimmermann versucht gar nicht erst, dagegen anzuspielen. Ihr Akkordeon reibt sich an Lienhards Elektronik, schiebt sich hinein, verschwindet darin und taucht wieder auf. Mal lässt es lange Töne durch den Raum schweben, mal scheint es selbst Teil der elektronischen Geräuschlandschaft zu werden.

Den Ohren ist diese Kombination aus Apple und Akkordeon zunächst so fremd wie den Augen eine Kutsche auf den Kölner Ringen. Die Ohren brauchen ein paar Minuten. Dann haben sie verstanden. Und was dann? Na, dann wird’s wunderschön.

Die elektronischen Splitter verlieren ihre Bedrohlichkeit. Das Akkordeon zieht lange Linien durch den Raum, irgendwo darunter arbeiten Bass und Beats. Alle Muskeln entspannen sich. Die Frau von vorhin sitzt noch immer da. Jetzt hat sie die Augen geschlossen. Willkommen in der Schwerelosigkeit.

Ein Saxofon bleibt ein Saxofon. Eine Trompete eine Trompete. Ein Akkordeon ein Akkordeon. Eigentlich.

Info

Im Rahmen der Cologne Jazzweek treffen an diesem Abend im Loft zwei Duos aufeinander. Zunächst der 1944 geborene britische Saxofonist und Pionier der europäischen Improvisationsmusik Evan Parker und der 37 Jahre jüngere US-Trompeter Peter Evans. Zwei Generationen, aber eine ähnliche Idee: Mit Zirkularatmung, Multiphonics und anderen erweiterten Spieltechniken bringen sie ihre Instrumente dazu, nach mehr als nur einem Instrument zu klingen. Später treffen bei der Zürcher Akkordeonistin Tizia Zimmermann und dem Schweizer Elektronikmusiker Pablo Lienhard zwei Klangwelten aufeinander, die zunächst noch viel weniger zusammenzugehören scheinen.


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