Bei Till Lindemann scheppert’s so richtig – Reizwäsche und fliegender Käsekuchen
Düsseldorf (kle) Elefanten im Raum gibt es zuhauf. Jetzt war Till Lindemann, Sänger der deutschen Industrial-Metal-Band Rammstein, an sich schon immer eine Type (oder gar eine Kunst-Figur?), die mit ihrer radikal-kompromisslos-musikalischen Darstellungsform gefühlt die halbe Nation in tiefe Diskurs-Abgründe gerissen hat. Die andere Hälfte schaffte es höchstwahrscheinlich, den gebürtigen Leipziger mehr oder weniger erfolgreich zu ignorieren. Am Ende ist es Enfant horrible Lindemann selbst – das muss man so sagen dürfen -, der sich elefantastisch selbst am nächsten (gewesen) ist. Elefant in persona sozusagen.
Potenziell genug Zündstoff also für ein Konzert, das der 62-Jährige gestern Nacht im Rahmen seiner „Meine Welt“-Tour vor etwa 9.000 Zuschauern im nicht ausverkauften PSD Bank Dome gab. Hinein ins Getöse.
Zuerst erklingt „Meine Welt“, die Single aus dem Jahre 2023, vom Band. Dann fällt der Vorhang, die PA dreht so richtig auf und Lindemanns Band fegt einen mit den ersten Takten von „Fat“ so richtig weg. Er selbst thront wie Wikinger-König Knut der Große hoch oben auf einem Podest und knurrt „But your holes are hard / So hard to find / It doesn't matter / I'll fuck you, fuck you from behind!“ in sein Mikrofon. Dabei sind auf der hinteren Leinwand fette Menschenkörper zu sehen, deren Bäuche und Oberschenkel in Zeitlupen-Tempo hin- und herwackeln. Aber weil das so halbgar in Sachen Provokation ist, lassen zwei Tänzerinnen – eine rechts, eine links – einfach mal ihre Hüllen fallen. Und, wie sollte es auch anders sein, präsentieren die beiden zu den düsteren Rhythmen der Nummer ihre korpulenten Körper in Reizwäsche. Räkelnd auf dem Bühnenboden, versteht sich. Das hat was von Skandal im Sperrbezirk. „I don't need mini / I like it fat“, grölt die Fanschar. Danach verschwinden die zwei Mutigen von der Bildfläche und werden sodann bei „Und die Engel singen“ durch zwei andere Mutige ersetzt. Deren Körper allerdings sind rank und schlank, die Windmaschine muss aufpassen, sie nicht wegzupusten. Engel sehen nun mal genau so aus, oder?
Lack, Leder und Latex, wohin das Auge reicht. Die enganliegenden Stiefel der Gitarristinnen und Tänzerinnen erheben sich zu den brachial-öden Beats von „Altes Fleisch“, die einem wie nasse China-Böller dumpf-bedrohlich um die Ohren fliegen, im militärischen Gleichschritt. Zwei Trommeln werden mit einem Schwenk zu Schweinwerfern umfunktionalisiert. Und wer bisher dachte, die Keyboarderin in schwarzem Tanga sei heute Abend nur dazu da, aus ihren Tasten ausschließlich Industrial-Klänge apokalyptischen Wahnsinns herauszupressen, hat sich getäuscht, denn: plötzlich schwingt sie sich sportiv-lasziv hinauf in ungeahnte Höhen an ihrer Pole-Dance-Stange, bevor sie ein paar Sekunden später gleichsam in den Spagat hinunterrutscht. „Düsseldorf!“, zetert Lindemann. Die Achttausend jubeln ihm zu. Und der Rammstein-Frontmann, er scheint zu versinken in der darauffolgenden Akustik-Nummer „Tanzlehrerin“. Hingebungsvoll singt er in seiner für ihn so charakteristischen Baritonstimme „Ich hab den Schwanz wieder drin / In meiner Tanzlehrerin / Denn ich lieb sie so sehr“.
Ab und an, das muss man wissen, schmettert der tollkühne Lindemann sein Mikro kinski-like auf den Boden. Nicht während der Songs, aber nach ihnen. Dann scheppert’s so richtig. Was sonst noch so passiert: Bei „Allesfresser“ werden die vordersten Reihen mit New York Cheesecake beworfen, bei „Platz Eins“ schwebt Lindemann in einem transparenten Kunststoffmembran-Ball über seine Fans hinweg. Die versuchen nach ihm zu rufen und nach ihm zu greifen. Aber er, ja, er hört sie nicht, und sie, ja, sie kriegen ihn nicht zu fassen. Was für ein Sinnbild. Zum Schluss der Show hin wirkt Lindemann wie ein geprügelter Hund, wie ein verloren gegangenes kleines Kind im Bälle-Bad: Seine gelblich-schimmernde Schminke verblasst, sein Irokesenschnitt verwelkt. „Ohne dich will ich nicht / Bin ich halb, kann ich nicht / Ohne dich will ich nicht / Bin ich nicht“.