OneRepublic in Köln: Welthits und ein bisschen Sunnesching

WAZ

Köln (kle) Die Außengänge der Kölner Lanxess-Arena an diesem Mittwoch-Abend sind eine halbe Stunde vor Konzertbeginn der US-amerikanischen Pop-Rock-Band OneRepublic aus Colorado, die im Rahmen ihrer „Escape To Europe“-Tour in der Domstadt gastiert, gähnend leer. Eigentlich fehlt nur noch ein Steppenläufer, der von links nach rechts geweht wird. Stattdessen daddeln die Barkeeper gelangweilt mit ihren Smartphones. Wo um alles in der Welt sind die rund 16.000 Fans von Sänger Ryan Tedder und Band? Unglaublich, aber wahr: Sie sitzen oder stehen im Inneren der Arena. Ganz brav. Ganz unaufgeregt. Und warten. Auf ihren Star Tedder. Dazu chillig „Regulate“ von Warren G und „Don’t Look Back in Anger“ von Oasis aus den Lautsprechern. Die Sechzehntausend singen im Chor.

Danach dröhnen die Subwoofer, Bässe paaren sich mit Synthie-Klängen – eine Art instrumentales Intro zu „Feel Again“ - die Band betritt die Bühne, der Cellist Brent Kutzle streicht seine Saiten so zart, dass die Etikette „streichzart“ ab morgen aus allen Butterregalen der Republik entfernt werden müsste. Und plötzlich steht Ryan Tedder auf dem obersten Teilstück der Bühne. Im Lichtkegel. In gelber Jeansjacke und Dead Kennedys T-Shirt. Das ist cool. Seine tief ins Gesicht gezogene Baseball-Kappe eher weniger (wir wollen deine Augen sehen, Ryan!). Dann singt er „It's been a long time coming since I've seen your face“ (Du sagst es, Ryan!).  

Die ersten Songs der Show allerdings sind nicht unbedingt die absoluten Granaten unter den Onerepublic-Hits. Wobei das Mashup von „Good Life“ und „Midnight City“ (M83) beinahe kongenial daherkommt. Alles in allem wirken die Nummern zu Beginn zu abgeschliffen, wie frisch abgeschmirgeltes Holz: Da bleibt wenig Spielraum für Unerwartetes. Aber nun gut, seit ihrem Durchbruch mit „Apologize“ (2007) haben Sänger Ryan Tedder und Co. ein Repertoire aufgebaut, das irgendwo zwischen Pop, Rock und Filmmusik pendelt; von „Counting Stars“ bis „I Ain’t Worried“ aus „Top Gun: Maverick“: Die Routine merkt man den sechs Musikern einfach an. Jeder Einsatz sitzt, ja, jede Geste wirkt irgendwie einstudiert, das ist manchmal ein bisschen zu kalkuliert. Diese Perfektion macht die Band berechenbar, Überraschungen bleiben rar. Dennoch: Wenn Tedder am Klavier einen Song ausdünnt oder die ganze Halle „Secrets“ mitsingt, entsteht ein Moment, der den kalkulierten Glanz vergessen lässt. Und Kutzle: Der streicht weiterhin zart am Limit, dass einem die Tränen aus den Augen quillen können. „I'm gonna give all my secrets away“. Das berührt.

Ab „Rescue Me“ geht Tedder auf einmal mehr ab, so tänzelt er wie ein junger Breakdancer aus den Straßen New Yorks wie wild auf der Bühne hin und her, bevor er schließlich vor „Stop and Stare“ ein wenig innehält und die bewegende Geschichte zu diesem Lied erzählt. Seine Stimme, sie kann sich förmlich in diese Komposition hineinlegen, dadurch entfaltet sie ihren rudimentär-galaktischen Charakter. „Wow, was für eine Stimme!“, ruft eine Besucherin Tedder entgegen. Sie weint. Und er singt „Stop and stare / I think I'm moving, but I go nowhere“.

Man kennt das, wenn Bands für ein akustisches Stelldichein auf direkte Tuchfühlung mit ihren Fans gehen. Das machen an diesem Abend auch Onerepublic auf einer kleinen Bühne in der Mitte der Halle. So weit, so gut. Als Tedder dann jedoch kurz von seinen Jobs für Adele, Taylor Swift, Ed Sheeran oder Leona Lewis spricht und schließlich auch die Geschichte zu Beyoncés „Halo“ erzählt – sie habe ein Hochzeitslied gebraucht. Ein schönes. Da rief sie Tedder an und fragte ihn: „Hast du eins für mich?“ -, fragt man sich: Wie macht Tedder das nur mit diesen Erfolgs-Nummern? Besitzt er vielleicht eine Art Schatztruhe mit der Aufschrift „Top-Secret – RT“? „Apologize“, nun, dieser Song ist mittlerweile alles andere als top-secret, daher rasten die Sechzehntausend schon aus, als sie die ersten Töne dieses Welthits hören. Zu all dem wird ein riesiger, gestochen scharfer Blutmond auf die Leinwand projiziert, der die gesamte Halle in ein tiefes Rot tränkt.

Was dann noch geschieht: Onerepublic spielen den ein oder anderen belangloseren Song – „I Need Your Love“ -, versprühen mit „Sunshine“ ein wenig Sunnesching in Kölle und pfeifen zu „I Ain't Worried“ heiter vor sich hin. Bis, ja, bis ein Fan plötzlich bei „Love Runs Out“ schreit: „Ich liebe diesen Song!“ Dann steht sie Kopf, die Arena.

Fazit: OneRepublic sind vielleicht nicht die aufregendste, aber eine der zuverlässigsten Pop-Rock-Bands ihrer Zeit.


Erschienen in der WAZ

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