Tanzen, tanzen, tanzen: Die Parcels lassen Düsseldorf abheben

WAZ

Düsseldorf (kle) Man nehme fünf Jungs aus Byron Bay - Louie, Patrick, Noah, Anatole, Jules - eine WG in Berlin mit zu wenig Betten und zu vielen Synthesizern, füge eine Prise Daft Punk hinzu, und fertig ist Parcels. So einfach ist das alles natürlich nicht, vor allem dann nicht, wenn das Hitzigste ein paar Minuten vor dem Konzert der Band in der nicht ganz ausverkauften Mitsubishi Electric Halle wohl die aufploppenden Maiskörner im Foyer zu sein scheinen. Die rund 2500 Fans jedenfalls wirken mit ihren Popcorntüten so gechillt, dass man sich fragt, ob denn eigentlich zu Songs wie „Overnight“ oder „Tieduprightnow“ noch gekaut oder schon getanzt werden würde. Und dann geschieht um Punkt neun Uhr Folgendes: Ein Kameramann filmt hinter der Bühne, wie sich die Fünf - gleichsam einem Ritual - mit einem atmosphärischen Syntie-Gitarren-Intro auf ihre Show einstimmen. Sehen kann man das Ganze auf der großen Leinwand, und auch, wie sie sich schließlich unter tobendem Applaus und zu den Disco-Rhythmen von „ifyoucall“ ins Rampenlicht begeben. Die Ränge, sie schwingen durch die wippenden und springenden Fans enthemmt auf und ab. Aber: sie halten. Das Chill-Popcorn hat von nun an ausgedient. Seit 2014 liefern Parcels den Soundtrack für jene, die Disco nie erlebt haben, aber trotzdem am Glitzer und Glamour der 1970er-Jahre teilhaben wollen. Funk, Soul, Elektro. Bei den fünf Freunden, deren Wahlheimat mittlerweile Berlin geworden ist, wird alles in einen musikalisch-sonnengetränkten Cocktail geschüttelt: Wer hier nicht tanzt, hat wahrscheinlich gerade selbst Daft Punk gegründet. Und ja, man schreibt schon mal gerne sowas wie „Die Menschen konnten gar nicht anders, als sich zur Musik zu bewegen“. Hier allerdings trifft es allemal zu. Ein Freund versucht seiner Freundin etwas ins Ohr zu rufen, schafft es jedoch nicht. Sie hüpft ihm zu den harten Four-on-the-floor-Beats immer wieder davon. Irgendwann gibt er auf.

Gut, jetzt ist es bei den Sunnyboys von der Ostküste Australiens auch nicht unbedingt so, dass sie den Musikkonsumenten stets unüberschaubare Textmassen und/oder textlich hochkomplexe Botschaften mit ihren Nummern um die Ohren hauen – „I never wanna read the stars (oh, no) / I never wanna heal your scars (oh, no)“ -, aber das ist auch überhaupt nicht notwendig. Denn das, was sie mitteilen wollen, singen sie wohldosiert und in engelsgleicher Unerschütterlichkeit – vor allem Noah Hills Falsett-Stimme legt sich wie ein Löffel heißer Schokolade auf den Solarplexus -; es sind in erster Linie ihre Arrangements aus pulsierenden und treibenden 1970er-Jahre Riffs und Beats, die Parcels so einzigartig machen. Genau wie auch ihre Idee, die während der Show analog geschossenen Fotos direkt hinter der Bühne in lichtdichten Wasser-Behältern zu entwickeln und an einer Wäscheleine aufzuhängen. Wieder einmal ist es der Kameramann, der diese Aktion auf die Leinwand bringt. Großartig.

Dass Louie, Patrick, Noah, Anatole, Jules zu all dem auch noch ganz gut aussehen und mit ihrer Bühnenpräsenz, na klar, australische Glitzer-Attitüde versprühen, die gleichermaßen nach Strand, Studio 54 und Start-up-Küche schmeckt, versteht sich von selbst. Obwohl einige ihrer Song-Passagen zeigen, wie viel mehr musikalisch in ihnen steckt, als ausschließlich die reine Diskokugel à la Chic. Alternative-Rock à la Mogwai können sie auch. Doch bei „Leaveyourlove“ sitzen sie fast unverschämt entspannt wie Studenten am Bühnenrand, die sich mit ihren Liedern einfach noch etwas dazu verdienen wollen.

Am Ende, das muss man so sagen, geht einfach die Luzie ab. Parcels bringen jedwedes Tanzmolekül in der Halle zum Kochen, der knöcherne Bass macht sich bei Nummern wie „Tobeloved“ und „IknowhowIfeel“ bis aufs Mark blank. Disko-König Travolta hätte ernsthafte Schwierigkeiten gehabt, Schritt zu halten. Ganz bestimmt. Louie Swain ruft „Düsseldorf, are you ready?“. Bereit für was? Bereit, um abzuheben mit Parcel.  


Erschienen in der WAZ

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