Sting in der Kölner Arena: „Hallo, singt mit mir, bitte!“
Köln (kle) Er war nie der Typ für Rockposen. Während andere ihre Gitarren zertrümmerten, las Sting lieber Heisenberg. Ein Arbeiterkind aus Wallsend, das sich aus der Werft in die Welt der Metaphysik gesungen hat. Und wenn er heute pfeift – und ja, das tut er auf „If It’s Love“ –, dann klingt selbst das nach einem wohlüberlegten Gedankenexperiment. „Wer gerne arbeitet, pfeift – das ist Glück“, sagt Sting. Und Glück, das hat bei ihm immer etwas mit Erkenntnis zu tun.
Erkenntnis Nummer 1 an diesem Mittwoch-Abend in der Kölner Lanxess-Arena vor ausverkauftem Hause: Auch ein Megastar wie Sting kann ein Konzert beginnen, wie man es früher eigentlich stets getan hat (zumindest als man noch vierzehn war und im Jugendclub nebenan mit seiner coolen neuen Band vor 20 Freunden spielte): Kein Schnörkel da, keine sich düster anbahnenden dumpfen Synthie-Sounds hier, kein Nebel. Nichts von alldem. Nur ein Gitarrist, ein Schlagzeuger und ein Bassist, die zu dritt die Bühne betreten und ja – das ist dann vielleicht die einzige „Show-Bombe“ - mit einer Nummer loslegen, die seinesgleichen sucht: „Message in a Bottle“. Puristischer geht’s beinahe nimmer. Abgespeckt bis zum Abwinken ist das.
Und Sting selbst, Erkenntnis Nummer 2: Er wirkt völlig bei sich, vollkommen definiert in Stil (Jeans und T-Shirt) und Körper. Gäbe es bei den MTV-Music-Awards eine Kategorie mit dem Namen „Der Drahtigste“, Gordon Matthew Thomas Sumner alias Sting - Einmal trat er in einem gelb-schwarz gestreiften Pullover auf, in dem er nach Ansicht seines Bandkollegen wie eine Wespe aussah. Laut Stings eigener Aussage zeigte der Kollege auf den Pullover und rief: „Gordon’s got a sting! -, er würde diesen Pokal einheimsen. Ständig. Höchstwahrscheinlich. Zumindest in der Altersgruppe Ü70 (Sting wurde vor genau einer Woche 74!). Aber gerade, weil der intellektuelle Metaphysiker unter den Pop-Rockern so unglaublich selbstdiszipliniert daherkommt und es bestimmt auch ist, wirken die ersten Nummern - „I Wrote Your Name (Upon My Heart)“ oder „If I Ever Lose My Faith in You“ – so unglaublich prüde und so unglaublich vom Tonband abgespult. Eine TV-Kamera im Bühnengraben, die auf einer Schiene installiert hin- und herfährt, verstärkt das Gefühl: Hier spielt eine professionelle Band im Stile einer Fernseh-Aufzeichnung.
Und da Sting nun auch nicht wirklich bekannt für große Redeorgien ist, die die Situation unter Umständen irgendwie auflockern könnten, ist der atmosphärische Anfang der Show recht zäh. Erst ab „Englishman in New York“ löst sich die Konzert-Krawatte ein wenig, der Reggae-Offbeat schlängelt sich wie eine leicht angesäuselte Jamaika-Boa um die Stuhlbeine der rund 16.000 Zuschauer, ein paar Minuten später flüstert Sting dann sogar vor „Fields of Gold“ Folgendes ins Mikro: „This song is about my house. Ein Schloss.“ Schließlich singt er „You'll forget the sun in his jealous sky / As we walk in fields of gold“. So etwas wie eine Stecknadel fällt heute Abend nicht. Aber wäre eine gefallen, gehört hätte man sie. Ganz bestimmt.
Erkenntnis Nummer 3: Generell treibt den Gott des Bassspiels das Thema „Zuhause“ um. In einem Interview mit einer renommierten Musikfachzeitschrift erzählte er vor kurzem, dass er dieses Gefühl immer schon gehabt habe: nirgendwo wirklich hinzugehören. Es habe sich nicht geändert. Und weiter: „Mein Zuhause ist da, wo ich ein Buch habe. Wo meine Frau ist, meine Kinder. Wo Gemälde sind. Ich habe also ein Zuhause, aber ich fühle mich wurzellos.“ Der Song „Never Coming Home“ geht unter die Haut. Ganz tief. Und Sting, der kommt jetzt so richtig an, gräbt sich immer weiter vor bis in den Schlund seines Ichs. Das Publikum merkt das. Zahlreiche Fans hält es nicht mehr auf ihren Stühlen, sie stürmen nach vorne und wollen ein Stück haben von diesem Ich. „Hello, singt mit mir, bitte!“, ruft Sting ihnen zu. Schließlich singen sie zusammen „I can't, I can't, I can't stand losing / I can't, I can't, I can't stand losing“.
Was dann noch folgt: Eines der wohl schönsten Lieder auf diesem Planeten: „Shape of My Heart“, der Beat von „Walking on the Moon“, zu dem man sich nur schwer einen tanzenden Astronauten auf dem Mond vorstellen kann (aber versuchen sollte man es mal!), und die Nummer, zu der man wirklich auf jeder gescheiten 80er-Jahre-Party seine letzten Tanzreserven aus sich herausgepresst hat: „So Lonely“. Einsam oder gar niedergeschlagen fühlte man sich dabei aber nie. Auch heute Nacht nicht: „I always play the starring role / so lonely / so lonely (I feel low)“. Erkenntnis Nummer 4: Sting, was ein Glück.
Erschienen in der WAZ