Neonlicht und Dauerhysterie: Twice verwandeln Köln in ein K-Pop-Spektakel
Köln (kle) Der trendige K-Pop-Express machte gestern Abend in seinem atemberaubenden Tempo kurz einen Schwenker durch NRW. Genauer gesagt durch die Kölner Lanxess-Arena. Heute an Bord der „This Is For World“-Tour: die neunköpfige Band Twice. Samt rund 16.000 Fans. Erstmals werde die Gruppe dann auf einer 360-Grad-Bühne zu erleben sein und die Arena in ein immersives Erlebnis verwandeln, heißt es im Vorfeld.
Kurz vorab: Das, was gestern in Deutz passierte, muss man nicht verstehen. Jedenfalls nicht unbedingt. Wer am Dienstagabend mit der Straßenbahn zu einem Konzert in die Arena fährt, kann im Normalfall spätestens am Neumarkt am Kleidungsstil der Zusteigenden erkennen, welche Band spielt. Gestern Abend war das auch wieder so. Nur eben ein ganzes Stück extremer. Der Look der „ONCEs“, wie sich die treuen Fans von Twice nennen, orientiert sich strikt am koreanischen Streetstyle: Y2K-Modetrends aus Seoul, Oversize-Schnitte, Crop-Tops, Faltenröcke, Plateauschuhe, und mittendrin die offiziellen Fandom-Farben Apricot und Neon-Magenta.
Punkt 20 Uhr dann kommt der K-Pop-Express mit vollem Karacho in der ausverkauften Halle angedüst. Nach zahlreichen Leinwand-Einspielern stehen die neun Sängerinnen im gleißenden Rampenlicht: in makellos weißen Outfits aus Stiefeln, Corsagen und kurzen Röcken. Die hart am Limit ausrastenden Fans und deren bunten Candybongs (der offizielle Leuchtstab der Band) tragen Nayeon, Jeongyeon, Momo, Sana, Jihyo, Mina, Dahyun, Chaeyoung und Tzuyu fast wie von selbst über die Laufstege zwischen den drei Bühnen. „This is for all my ladies / Who don't get hyped enough (Hey, ladies)“, singen alle miteinander.
Doch schon in Akt eins schleichen sich Irritationen in das perfekt durchgestylte K-Pop-Universum. Die Choreografien wirken stellenweise überraschend kraftlos, fast schon ein bisschen halbherzig und hölzern im Vergleich zu westlichen Pop-Giganten à la Little Mix oder Fifth Harmony. Nach den ersten Songs („This Is For“ oder „I Can’t Stop me“) folgt die obligatorische Redepause samt Übersetzerin aus dem Off. Es fallen klassische Floskeln wie „Habt ihr lange auf uns gewartet?“, „Köln ist so wunderbar!“ oder „Wir haben euch so vermisst!“ Egal, was die neun von da oben rufen, die Sechzehntausend antworten mit einem ohrenbetäubenden Kreischen. Nayeon, Jihyo, Sana und Co. lächeln verstohlen. Manchmal jedenfalls. Denn man kommt nicht umhin festzustellen, dass die Frauen inmitten ihres mörderischen Tour-Rhythmus gleichzeitig auch ein kleines bisschen – sorry dafür – fertig mit der Welt wirken. Verübeln könnte man es ihnen angesichts ihres globalen Pensums nicht.
Kurze Einordnung: Twice ist keine Band mehr, die um Aufmerksamkeit kämpfen müsste. Sie sind längst der Moment geworden, an dem Aufmerksamkeit kapituliert. Entstanden 2015 aus einer Casting-Show, von JYP-Entertainment (einem der größten und erfolgreichsten K-Pop-Labels überhaupt) zusammengebaut wie ein Präzisionsinstrument für maximale Pop-Eskalation, brauchten die neun Mutigen ungefähr fünf Minuten, um Südkorea im Vorbeigehen zu übernehmen. Was zunächst nach quietschbuntem Zuckerrausch klang - „Cheer Up“, „TT“ oder „Likey“ waren musikalische Farbexplosionen mit eingebautem Dauergrinsen -, entwickelte sich über die Jahre zu etwas deutlich Größerem: zu einem Popprojekt, das zwischen Neon-Kitsch, makelloser Choreografie und erstaunlich cleverem Songwriting seine ganz eigene Gravitation erschaffen hat.
Zurück zur Show: Im zweiten Akt brennt die Hütte dann endgültig. Zu filmischen Science-Fiction-Sounds jagen die Tänzer:innen einer Military-Group über die drei installierten Bühnen im Innenraum der Arena. Auf der mittleren Bühne fährt ein gewaltiges, na klar, neunteiliges Hebeelement immer wieder aus dem Boden. Optisch ist das alles fein anzuschauen. Akustisch ist das Ganze weite Strecken über ein Desaster. Kennt man die Nummern der Koreanerinnen nicht, könnte man als neutraler Beobachter glatt meinen, in einer krachend-überfüllten E-Sports-Lounge zu stehen. Reizüberflutung ist von gestern. Twice-Konzerte sind heute. Nur am Rande erwähnt: Bemerkenswert ist der Umgang von Dahyun mit dem Konzert. Sie hat sich vor der Show eine Verletzung am Knöchel zugezogen. Während die restlichen acht ihre Formationen halten, hockt sie tapfer auf einem Barhocker in einer Bühnenecke, singt und gestikuliert die Choreografien mit ihren Armen mit. Ob das der straffe Arbeitsvertrag bei JYP-Entertainment so vorschreibt? Man weiß es nicht. Zumindest ist sie bei ihren Fans. Und die bedingungslos bei ihr.
Der dritte Akt gehört den Solo-Einlagen, bei denen jedes Bandmitglied seine eigene Facette anhand eines Songs zeigen kann. Die Reize werden im Sekundentakt neu sortiert: Da singt Tzuyu in weinroter Spitze auf der Seitenbühne „Run Away“, da zeigt sich Mina bei „Stone Cold“ im goldenen Kleopatra-Gewand, Chaeyoung versucht es bei „Shoot (Firecracker)“ in einem türkisfarbenen Lolli-Kleid, und die verletzte Kollegin lässt sich derweil mit verspiegeltem Flügel bei „Chess“ inszenieren. Vor allem bei den extrem getanzten Parts drängt sich die eine Frage auf: Wie viel von diesem Gesang ist eigentlich wirklich noch live?
Im großen Finale schließlich verfängt sich die Arena in den weißen Spitzenstrümpfen der südkoreanischen Popstars. Auf den Rängen gibt es kein Halten mehr. Die ONCEs bekommen genau das, wofür sie heute Nacht nach Köln gekommen waren. „Oh, tell me, I'm the only one, babe / I fancy you, I fancy you, fancy you“.