Schiller: eine Show wie eine zerknitterte Briefmarkensammlung
Köln (kle) Schülerinnen und Schüler springen nicht gerade freudetaumelnd durch den Klassenraum, hören sie etwas von Schiller, also von Friedrich Schiller. Aber um eine Dramenszenenanalyse geht’s hier und jetzt auch nicht. Keine Sorge. Nein, hier und jetzt geht’s um den Musiker Christopher von Deylen alias Schiller, den Mann, der seit Ende der 1990er-Jahre elektronische Musik für Menschen produziert, die nachts gerne verträumt aus Zugfenstern schauen und dabei glauben, ihr Leben hätte gerade einen eigenen Soundtrack bekommen. Und eben dieser Schiller war gestern Abend im Rahmen seiner „Euphoria – In Surround Sound“-Tour zu Gast in der Kölner Lanxess-Arena. Im Vorfeld versprochen: ein immersives Live-Erlebnis, eine groß angelegte Laser- und Lichtshow sowie ein auf die Musik abgestimmtes Visual-Konzept. Also abheben in den Schiller-Kosmos. 5, 4, 3, 2, 1, Zero… Cologne, we have liftoff!
Zarter Applaus. Ähnlich dem in der Oper. Wenn der Dirigent den Steg betritt. Der Dirigent heute Abend heißt von Deylen, und sodann steht er zwischen seinem Synthesizer-Konglomerat und bedient dessen Steuerelemente wie einst Captain Jean-Luc Picard auf der Enterprise. Eine dunkle männliche Stimme spricht zu den Beats von „Euphorie“: „Die Grenzen des Himmels lösen sich auf / Die Schatten zerfallen im Strahl des Erwachens“. Zu all dem grell-aufzischende Laserstrahlen, die die Halle zu zerschneiden scheinen. Gar nicht so übel, der Start.
Von Deylens Gestus gleicht dem eines dozierenden Musikprofessors, der gerade dabei ist, ein bisschen auf seine eigenen Kompositionen abzugehen, danach jedoch besonnen zum Mikrofon greift und zu seinen etwa 6000 Zuhörern sowas wie „Begeben wir uns heute gemeinsam in das Land der Euphorie“ oder „Das Land da draußen ist verrückt geworden“ sagt. Apropos: Zur Musik gibt’s an dieser Stelle wenig zu sagen. Die vermag mittlerweile jedes Schulkind mit dem Smartphone und einer halbwegs gescheiten DJ-App selbst herzustellen. Vermutlich. Elektronisch-sphärische Klanglandschaften gepaart mit hypnotischen Rhythmen vereinen sich zur großen Gefühlssinfonie: Licht, Nebel, epische Synthesizer und Melodien, die klingen, als hätte Elliot Taylor am Ende doch noch E.T. zu Grabe tragen müssen.
Sowieso wirkt die Darbietung vielmehr wie eine zerknitterte Briefmarkensammlung, die Opa Schilli einem jedes Jahr aufs Neue präsentiert, wenn man ihn im Showcase-Room des Senioren-Trance-Heims besucht. Ganz entspannt anzuhören, ok. Aber irgendwie auch ganz schön fade, die Chose. Oder um im Bilde zu bleiben: Die Enterprise benötigt dringend einen neuen Warp-Antrieb.
Dann noch das vom gebürtigen Vechtaer: „Früher war alles besser, sagen viele. Das kann man vielleicht auch auf die Musik projizieren.“ Philosophische Gedanken an einem Dienstagabend. Kurzweilige zumindest. Die Melodien der Elektro-Band Karakum aus Leipzig dagegen haben das Zeug zu mehr. Ihr handgemachter Techno - hypnotische Wiederholungen, eine gewisse emotionale Distanz statt „großer“ Pop-Gesten und ein gewisser romantisch-dunkler Unterton - erinnert an frühe The Cure-Alben wie „Seventeen Seconds“ oder „Pornography“. Die Fünftausend jedenfalls sind begeistert.
Insgesamt jedoch verschwindet das schale Gefühl während der Show nicht, heute Abend am Eingangs-Gate in das falsche Raumschiff gestiegen zu sein. Das hier ist nicht die angepriesene Schillerprise 2.0, das muss die berühmt-berüchtigte Zeitrückwärts-Dings-Bums-Maschine im Pelzmantel sein. Beats, so durchschaubar wie ein Loch im Strumpf, Gitarren-Riffs, so lahm wie eine Nacktschnecke gegen den Wind, ja, und die angekündigte Lasershow: zu Beginn noch atemberaubend, später jedoch spielt man lieber noch ein bisschen mit seiner Taschenlampe unter der Bettdecke. Die ukrainische Sängerin Julia Sanina zieht den musikalischen Stillstand-Karren auch nicht wirklich aus dem schillerschen Ambient-Morast. Mit ihren Nummern „The Silcence“ und „Illusion“, ihrem Vintage-Kleid in Off-White und ihrer markanten Musical-Stimme wäre sie bestimmt eine vielversprechende Teilnehmerin beim ESC (im kommenden Jahr?). Fazit: Das Konzert von Schiller deckt schonungslos auf, in welcher künstlerischen Sackgasse er steckt. Cologne, back on Earth.