The Neighbourhood zelebrieren die vollendete Ekstase

Köln (kle) The Neighbourhood, US-amerikanische Alternative-Rock-Band um Frontmann und Indie-Ikone Jesse Rutherford, und eine der spannendsten Indie-Bands der 2010er-Jahre - mit „Female Robbery“ und vor allem „Sweater Weather“ starteten sie international durch -, gastierte gestern Abend im Rahmen ihrer „Wourld“-Tour in der aus allen Nähten platzenden Lanxess-Arena. „Die Tickets waren innerhalb weniger Minuten ausverkauft“, so ein junger Fan kurz vor Show-Start.

Als um kurz vor neun schließlich die Lichter der Arena zu den Bässen von „Hula Girl“ erlischen, erreicht der Kreischpegel der rund 16.000 meist weiblichen Konzertbesucher ein kaum zu definierendes Level, während Rutherford in weißem Shirt, schwarzer Hose, Sonnenbrille und 110 Dezibel um die Ohren („Jesse, I love you!“) auf die Bühne schlendert und seinen Fans kurz zuwinkt. Lässiger als Udo Lindenberg auf seinem Sofa im Hotel Atlantic wirkt er dabei. Dass seine engelsgleiche Stimme nicht in jedem Song gut zu hören ist: kein Problem. Das übernehmen die Sechzehntausend. Sie tanzen, brüllen, nein, sie breiten die Texte der Band vor sich aus wie jemand, der einen teuren Perserteppich aufs geschliffene Parkett wirft. „We were too close to the stars / I never knew somebody like you, somebody“.

Wenig später, na klar, zieht Rutherford - Ex-Freund von Billie Eilish - sein Shirt aus. Er muss wirklich viele Stunden im Tattoo-Studio verbracht haben, soviel steht mal fest. Und auch in der Muckibude. Mit Protein-Smoothie. Vermutlich. Die kollektive Schnappatmung jedenfalls entzieht der Arena in diesem einen Moment so viel Sauerstoff, dass einige der Fans von Sanitätern aus der wummernden Masse herausgehievt werden müssen.

Apropos: Die Musik der Kalifornier besitzt eine Kraft, die stärker ist, als irgendeine Schraube mit bloßen Fingern aus irgendeinem Gewinde drehen zu können. Nein, die Kraft ihrer Musik ist allumfassender: ihre Mischung aus Indie-Rock, Hip-Hop-Beats, düsterem R&B und Nachtfahrten-Sound hebt die Sitze der Ränge aus den Angeln, lässt sie hochschweben: Auf ihnen 16.000 davonfliegende Fans, die singen „When I wake up, I'm afraid / Somebody else might take my place“.

Doch von der Metapher zurück in die Realität. Rutherford raunt beinahe lasziv „You used to find me so attractive“ ins Mikro. Hinter ihm auf der riesigen Leinwand zu sehen: unsere Erde. Die sich um ihre eigene Achse dreht. Fragil wirkt sie. Beschützenswert. Einige Zuschauer haben bei der Nummer „Planet“ Tränen in den Augen, vor allem aber, weil es in dem Lied vielmehr um Entfremdung und um die Einsamkeit innerhalb einer Partnerschaft geht - „And I don't wanna walk alone right next to you“ - und weniger um Mutter Erde selbst.

Danach wird es ruhig. Die sanft sprechende KI-Stimme aus den Boxen empfiehlt den Zuschauern von nun an, ein Taschentuch für den Eigengebrauch und für den Nachbarn bereitzuhalten. Und die Arena? Die suhlt sich von nun an in der Melancholie mit Ansage. Songs wie „Baby Came Home 2“ oder „The Beach“ lassen die Köpfe und Hälse der Sechzehntausend still und rührselig im Rhythmus der Kompositionen kreisen. Am Ende kommt noch der Hit, auf den alle hingefiebert haben: „Sweater Weather“. Und mit ihm die vollendete Ekstase.   


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