Ein Wet-Leg-Aufguss ist sehr zu empfehlen
Düsseldorf (kle) Da haben sich Wet Leg, die englische Indie-Rock-Band von der Isle of Wight, aber einen ziemlich schönen Abend ausgesucht, als das Quintett um die beiden Frontfrauen Rhian Teasdale und Hester Chambers gestern um exakt acht Uhr im Rahmen des New Fall Festivals im Radschlägeraal der Rheinterrassen mit ihrer hitverdächtigen Single „catch these fists“ im The Killers-Stil vor rund 1000 Konzertbesuchern aufschlugen und die Räumlichkeiten von Sekunde eins an zum Kochen brachten. Denn: Draußen ist es mild, ein paar Kinder in Gruselkleidung spazieren von Haus zu Haus und rufen „Süßes oder Saures!“, und die Herbstkirmes am Tonhallenufer blinkt und glitzert noch ein letztes Mal in vollem Glanze. „Yeah, don't approach me / I just wanna dance with my friends“, haucht Teasdale ins Mikrofon. Ihre Stimmbänder sind nicht von dieser Welt, mag man meinen. Gäbe es eine Stimm-Erotikskala, käme Teasdale auf eine glatte 12 von 10. Ganz sicher.
Apropos Skala: Der Luftqualitätsindex-Wert im Saal, der liegt zu dieser Zeit wahrscheinlich schon irgendwo jenseits der 200er-Marke. Die Luft, sie steht. Es kostet Überwindung, ein paar Schritte Richtung Bühne zu gehen. Den größtenteils (und manchmal „I love you!“-kreischenden) Mittdreißigern ist das egal. Sie feiern Teasdale und Chambers mit ihren letzten Sauerstoff-Reserven ab, als gäb’s kein Morgen. „Schreit mal so laut und gruselig, wie ihr könnt!“, fordert Chambers ihre Fans zwischen zwei Songs auf. Das ist kein Problem für die Eintausend. Das ist ohrenbetäubend und schaurig: „Uuuaaaahhhh!“
Aber Wet Leg sind mehr als nur Scary-Screaming. Rhian Teasdale und Hester Chambers gründen die Band 2019 auf der Isle of Wight – angeblich in einem Riesenrad, irgendwo zwischen Wind, schwindelerregenden Höhen und einer Ahnung, dass alles möglich ist. Seither mischen sie britischen Slacker-Humor mit stoischen Gitarren und klingen, als hätte jemand britischen Witz in Blasenfolie gepackt: leicht, verspielt, und jedes Mal, wenn man draufdrückt, knallt’s. „Chaise Longue“ und „Wet Dream“ katapultieren sie in die Indie-Galaxie, charmant, verschmitzt und ein bisschen schräg. Grammys, Brit Awards, im Vorprogramm für Harry Styles: Haken dran. Jetzt schärfen sie weiter ihre Kanten à la Arctic Monkeys und touren als Headliner durch Europa.
Und ihre Musik? Die ist rein instrumental manchmal ganz schön cheesy – z.B. „Ur Mum“ – so dass man sich fragt, welcher Käse das denn sein soll. Auf jeden Fall einer mit einigen Löchern, durch die man leichtfüßig hin- und her hüpfen könnte, vorausgesetzt, es gäbe einen Schrumpfstrahler wie in „Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft“. Weil es so ein Gedöns aber nicht gibt, tanzen die Zuschauer zu den zaghaft-zart-zerbrechlichen Beats von „pond song“ einfach in Lebensgröße, Farbe und bunt über das geölte Parkett des Radschlägersaals. Bevor, ja, bevor die Musikalität sodann mit „pillow talk“ umschlägt. Das ist stumpf, brachial, dunkel. Als wäre der Dämon der Kissen höchstpersönlich aus der Frau Holle-Hölle auferstanden und hätte sich breitbeinig grinsend auf die Gitarrensaiten von Teasdale und Chambers gesetzt: „It's all pillow talk / Yeah, hey, hey, hey“. Zu all dem weht Teasdales Haar im Windmaschinen-Wind, ihr Oberkörper verbiegt sich zu den krachenden Rhythmen auf beeindruckende Weise wie ein Gartenaal, der in seinem Loch hin- hergeschaukelt wird. Nach 70 Minuten lässt Teasdale ihre Gitarre fallen. Rückkopplung. Show vorbei. Das Kondenswasser rinnt von den Wänden. Fazit: Ein Wet Leg-Aufguss ist sehr zu empfehlen.